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Schachnovelle
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Gedichteforum -> Begegnungen
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #1 vom 09.08.2009, 20:17  Titel: Schachnovelle  

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SCHACHNOVELLE


An einem wintermorgen im januar 08, im stillen
auf einem isländischen friedhof und im alter 64

beigesetzt (vier seelen folgten seinem sarg)
die letzten tage mit kranken nieren, zähnen

die verrottet waren ohne die entfernten füllungen
im glauben CIA - oder der russische geheimdienst

könnten sein gehirn mit radiowellen manipulieren
Jugend in Brooklyn, comics, schachbücher, exil

Reykjavik

Juden würden den afrikanischen elefanten ausrotten
sein rüssel erinnere an einen unbeschnittenen penis

"match des jahrhunderts" - symbol amerikanischer
willenskraft, innovation, brillanz - Henry Kissinger

bat ihn einfach nur zu spielen, nach der anstößigen
kavalkade von besiegten großmeistern (er gewann

zwanzig spiele en suite) schlug er Boris Spasski
einstige nemesis, trotz UN-sanktionen im kriegs

zerrissenen

Jugoslawien in einem enttäuschenden retourkampf
auf der insel Sveti Stefan und verdiente $ 5,5 mill.

Bobby mit schwarz, Grünfeld-Indische verteidigung
Byrnes figuren überlässt er das zentrum des bretts

um sie von den flanken anzugreifen. Byrne bringt
die dame ins spiel, nach elf zügen tauscht Bobby

seine dame gegen einen läufer. Byrne schlägt, nach
41 zügen war die partie verloren. Dieser zug macht

ihn zum mythos

Schach definiert er durch gründliches memorieren
kompletter partien. Grausame endspiele, synthese

von eröffnung bis mittelspiel. Hinterlassenschaft: glas
klare spielberichte, erfindungen für spezielle momente

antiamerikanischer nationalheld, genie im vergeuden
von fähigkeiten, speichert stellungen, partieanalysen

eines ganzen schachjahrhunderts, wunderkind mit
fabelhaftem gedächtnis, sein iq von 181 höher als

von einstein

An diesem tag in Manhattan, ein leben entfernt vom
oxymoron im blauen anzug, nicht länger rätselhafter

König Lear des schachs im kühlen Island, verließ
der junge Bobby Fischer vergnügt und fesch, mit

einem fan im schlepptau den Marshall Chess Club
hörig dem spiel, das er so liebte, um sich in einem

restaurant zu stärken, damit er wieder spielen kann

New York Times, 2008
08.09.2009
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