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Paul Boldt (1885 - 1921)
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Gedichteforum -> Bekannte Gedichte
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
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BeitragBeitrag #1 vom 04.11.2007, 19:26  Titel: Paul Boldt (1885 - 1921)  

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Junge Pferde

Wer die blühenden Wiesen kennt
Und die hingetragene Herde,
Die, das Maul am Winde, rennt:
Junge Pferde! Junge Pferde!

Über Gräben, Gräserstoppel
Und entlang den Rotdornhecken
Weht der Trab der scheuen Koppel,
Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

Junge Sommermorgen zogen
Weiß davon, sie wieherten.
Wolke warf den Blitz, sie flogen
Voll von Angst hin, galoppierten.

Selten graue Nüstern wittern,
Und dann nähern sie und nicken,
Ihre Augensterne zittern
In den engen Menschenblicken.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #2 vom 04.11.2007, 19:26  Titel:   

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Novemberabend

Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne.
Die von den Winden schon erbeutet wird.
Ein etwas Herbst in der Platane
Ein gelles Chrom verweht, verwird.

In Wolken gleich verkohlten Stämmen
Riecht man die tote Sonne noch;
Dann das Einatmen, Drängen, Dämmern -
Einsamkeiten kommen hoch.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #3 vom 04.11.2007, 19:27  Titel:   

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Sommergarten

Die Vögel sprangen von den Winden auf den Garten
Und fielen auf die hellen Rasenbeete,
Betäubt vom Duft der blühenden Stakete
Am weißen Haus mit vierzehn Rosenarten.

Die gelben Steige, die den Rasen masern,
Kommst du in Weiß, berieselt von den Winden,
Und deine Augen, duften noch den Blinden -
Die warmen Blumen an den Nervenfasern.

Freude der Tropen wächst. Im blauen Raum
Zünden die Wolken, leuchtende Phantome.
Und du, in deines Blutes Aura und Arome,

Nimmst Sonne mit - in eine Liebesnacht.
Gleich goldnen Bienen hängt das Licht im Baum,
Das deinen Mund wie eine Frucht benagt.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #4 vom 04.11.2007, 19:27  Titel:   

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Der Turmsteiger

Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff,
- Die Erde war es und der Himmel oben,
An dem die Dohlen hingen und die Winde hoben
Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff.

Ihn schauderte. Er sah das Meer, er sah ein Schiff,
Das gelbe Wellen schaukelten und schoben,
Und sah die Wellen, Wellen - Wellen woben
An seinem unvollendeten Begriff.

Ein Wasserspeier sprang ihn an und bellte.
Er zitterte und faßte die Fiale,
Die knarrend brach; - versteinert aber schnellte

Ein Teufel Witze auf die Kathedrale; -
Er hörte hin - ein höllisches Finale:
Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #5 vom 04.11.2007, 19:27  Titel:   

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Auf der Terrasse des Café Josty

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. -
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #6 vom 04.11.2007, 19:28  Titel:   

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Gleich den Tannen . . .

Gleich den Tannen des Waldes
Hat dein Nacken
Einen Duft -
Du Große, Geliebte!

In den blühenden Wiesen,
Wenn der Juni reift,
Baden deine Füße
Und werden geliebt.

Auf deinen Brüsten
Wachsen Opale!
Die glitzern
Im Schnee der Begierde.

Wie Regen
Am Acheron
Fühlt dein Haare der Nackte,
Bronzener Kühle voll.

Deiner Arme Umarmungen,
Sausende Lichtkaskaden,
Trinke ich heißer,
Dunkler Hades.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #7 vom 04.11.2007, 19:28  Titel:   

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Vorfrühlingshimmel

Blätter wollen im Winde fliegen,
Winde die Chaussee begleiten,
Wolken sich auf Winden wiegen,
Taumelnde Beschwerlichkeiten. -

Und ich komme, seltsam kühn,
Und als ob ich nicht Ich wäre,
Aus den Winden, Avenuen,
Mehr in das Imaginäre.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #8 vom 04.11.2007, 19:29  Titel:   

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Andere Jüdin (2)

Dein Nacken sonnte meiner Arme Pflanzen,
Kann ich verstehen, daß du sie verdorrst!
Die Sonne kommt im Frühling in den Forst,
Gibst du mir Winter, diesen einen ganzen?

Der Wind ist weiß und in den Gärten grün.
Den Birken kriechen Blüten aus der Rinde. -
Bewehe mich! Laß doch in deinem Winde
Auf meinen Nervenfeldern Verse blühn!
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #9 vom 04.11.2007, 19:29  Titel:   

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Der Primäraffekt

Jemand, den Kopf in Mädchenknien, sagt:
Daß deine Schenkel früher zu mir kamen.
Wie Krähen fraßen Huren mich Einsamen.
Immer war Winter. Ich bin angenagt!

Dein roter Mund, ein Nest voll weißer Küsse,
Ist unerreichbar nah. Du bist so keusch.
In meinem Herzen da ist ein Geräusch,
Als ob es röchle und ersticken müsse.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #10 vom 04.11.2007, 19:29  Titel:   

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Abend am Kanal

In weißen Wegen ziehn
Die Reiter in die Stadt,
Die lichtergelb bespien
Den blauen Abend hat.

Die Linden haben Trauer,
und ineinander lehnen,
Vom Haar bewachsen, grauer
Die Birkenmagdalenen.

Das Gas beginnt zu fisteln,
Sehr zart sich zu belauben,
Als blühten große Disteln,
Die auf das Wasser stauben.

Die Wellen werden nickeln.
Die Kähne im Kanal
Frieren beglänzt und wickeln
Sich in der Winde Shawl.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #11 vom 04.11.2007, 19:29  Titel:   

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Literaturcafé

Wortwarenladen, wo es gurrt und murrt:
Des Hauses Echo, das hier Ego schreit:
Der Literat oder die Eitelkeit:
Das fürbaß schwatzende Gehirn Hans Wurst.

Es redet stets und muß beisammen sitzen.
Ist hier einer, der Zorn empfand und schrie!
Ihr richtet lieber Worte ab zu Witzen
Und äfft die Hölle mit Analgesie.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #12 vom 04.11.2007, 19:30  Titel:   

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Nacht für Nacht

Wie helle Raupen kriechen die Chausseen
Aus Wäldern über Berge in die Tale.
Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale,
Still in der Abendröte blanken Seen.

Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen,
Quillt schwarze Nacht aus allen Himmelsbronnen.
Die Sterne scheinen, kleine, ferne Sonnen.
Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen.

Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze,
Hell über jedem Garten. Und wie Gaze
Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze.

Aus einer Kleinstadt ragt des Kirchturms Vase
Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. -
Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #13 vom 04.11.2007, 19:30  Titel:   

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Das Wiedersehen

Wie warnend leuchten schwarze Fensterscheiben.
Mystische Telefone knacken, knacken -:
Dastehst du nahe mit beweinten Backen,
Plastik aus Rauch.
Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken
Und steige zitternd aus aus euren Häusern.

Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein?
Ich mache langsam Schritte in Berlin.
Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien.
Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #14 vom 04.11.2007, 19:30  Titel:   

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In der Welt

Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen,
Die wie getroffen auseinander hinken.
Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,
Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken.

Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.
Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen.
Die Tage sterben weg, die weißen Greise.
Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen.
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jürgen h.

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BeitragBeitrag #15 vom 04.11.2007, 19:31  Titel:   

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Guten Tag! - Helle Eva!

Ich wollte mit dir jungem Weibe leben
Gern wie der Sturm auf einem hellen Meer,
Daß deine Hände sich wie Möwen heben.
Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr.

Dein Fleisch ist Schnee, und schneereich bist du wie
Russische Winter. Mondrot leuchtet, blond,
Dein Haarkorb an des Nackens Horizont -
Du nackend Weib, du weiße Therapie!

Lange behielt ich deine Witterung
Und jagte hitzig hinter Dirnenrudeln,
Lustkrank, von Qual beweht. Doch du bliebst jung.

Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel;
Du bist ein Weib geworden - puh - fruchtbar,
Du blanker Bauch voll Blut und krautigem Haar.
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