Beitrag #1 vom 01.07.2007, 02:57Titel: Martín Espada: The Mexican Cabdriver's Poem
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Auf der Internetseite des Literaturwissenschaftlers Michael Gratz fand ich ein bemerkenswertes Gedicht des amerikanischen Dichters Martín Espada.
Es war die erste Begegnung mit diesem Lyriker, und es wird nicht die letzte gewesen sein.
Einen Tag später fand ich Zeit, ein wenig zum Autor zu recherchieren und konnte eine Autorenhomepage ausfindig machen:
Autorenhomepage:
martinespada.net
The Mexican Cabdriver's Poem for His Wife, Who Has Left Him
We were sitting in traffic
on the Brooklyn Bridge,
so I asked the poets
in the backseat of my cab
to write a poem for you.
They asked
if you are like the moon
or the trees.
I said no,
she is like the bridge
when there is so much traffic
I have time
to watch the boats
on the river.
Das Gedicht 'The Mexican Cabdriver's Poem for His Wife, Who Has Left Him' wurde (Schreibweise übernommen) von Michael Gratz 2000 übersetzt. Die Arbeit ist gelungen.
uni-greifswald.de/~dt_phil/litwiss/Gratz/antho/espada.html
Bei der Annäherung an das Gedicht konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, diese wenigen Zeilen ebenfalls - in Kenntnis der Nachdichtung - zu übersetzen. Das ist dann auch geschehen. Wie bei jeder Übersetzung lassen sich bei zwei Übersetzungsversuchen Gemeinsamkeiten im Ausdruck nicht vermeiden. Ganz optimal scheint mir auch mein Versuch nicht zu sein. Die Formulierung 'um ein Gedicht bitten' ist eben nicht dieselbe wie im Original 'so I asked (...) / to write a poem'. Aber 'um ein Gedicht fragen' hätte den schalen Beigeschmack einer Forderung, und man kann davon ausgehen, dass nicht jeder Schriftsteller ad hoc ein Gedicht über die unbekannte Frau eines Taxifahrers aus dem Hut zaubern kann.
Dementsprechend - die geschlechtslosen Dichter, es müssen mehrere sein, so nahe ging dem Taxifahrer der Verlust seiner Frau, dass ein Dichter nicht genug sein kann - gibt der Verliebte sich die Antwort selber: 'she is like the bridge'.
Er fährt die Route täglich, wie er seine Frau täglich sah. Und ein Weiterkommen in dieser, seiner, Beziehung schien ihm nicht mehr möglich zu sein. Deshalb der Vergleich mit dem 'Stop and go'-Verkehr auf der überlasteten Brücke. Die Boote, im Vergleich zum Auto, in dem sich berufsbedingt ein Großteil des Lebens des Taxifahrers abspielt, langsam unterwegs, jedoch bewegen sich.
Unwahrscheinlich, dass es sich immer um dieselben Boote handelt, die der Taxler beobachtet. Das ist auch unerheblich für das Gedicht, es gibt nur 'much traffic', 'zähfließenden Verkehr', und die adjektivlosen, farblosen Boote, die sich auf dem Fluß fortbewegen - davonschwimmende Felle?
Ich fand die Zeile 'when there is so much traffic' mit dem deutschen 'zur Hauptverkehrszeit' treffender übersetzt, zudem ist in der Formulierung die nächste Zeile des Gedichtes 'I have time' bereits enthalten. Den Stillstand, wenn man als Taxifahrer 'Zeit hat', bringt die Zeile 'wenn ich stehe' dann ein, obwohl das im Originaltext nicht erwähnt wird - es passt zur ersten Zeile des Gedichtes: 'Wir steckten im Stau'. Mir erscheint das passender als die Formulierung von Gratz: 'Wir steckten im Verkehr', zumal sich die Emotionen des Taxifahrers ebenfalls gestaut haben mußten. Er begann sein Gespräch mit den Fahrgästen, fand heraus, dass es sich um Dichter handelt. Es muss sich einiges 'angestaut' haben in ihm, dass er Fremden von seiner Frau, die ihn verlassen hat, erzählt.
Gedicht des mexikanischen Taxifahrers für seine Frau, die ihn verließ
Wir steckten im Stau
auf der Brooklyn Bridge.
Also bat ich die Dichter
auf der Rückbank meines Taxis
um ein Gedicht für dich.
Sie fragten,
ob du wie der Mond seist
oder wie Bäume.
Ich sagte - nein,
sie ist wie die Brücke
zur Hauptverkehrszeit,
wenn ich stehe
und die Boote betrachte
auf dem Fluss.
30.06.2007, übersetzt von J. Haberstroh
Autorenhomepage:
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Leseproben der letzten beiden Bücher:
The Republic of Poetry (W.W. Norton, Oktober 2006)
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Alabanza: New and Selected Poems, 1982-2002 (W.W. Norton, April 2003)
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Mit bestem Dank an Herrn Espada für die freundliche Email-Genehmigung zur Veröffentlichung des Gedichtes.
Buchtipp des Autors:
I published a book of poetry and essays in Germany a few years ago. It's called
Auf der Such nach la Revolución, published by Agentur Machwort in Bochum,
Germany. Maybe you can find it out there.
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