Beitrag #1 vom 09.06.2007, 02:57Titel: Georg Heym (1887 - 1912)
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Die Seiltänzer
Sie gehen über den gespannten Seilen
Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen.
Und ihre Hände schweben über allen,
Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.
Das Haus ist übervoll von tausend Köpfen,
Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren
Wo oben hoch die dünnen Seile knarren.
Und Stille hört man langsam tröpfeln.
Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde
Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren
Und oben hoch im leeren Baume springen.
Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken
Und ihre großen Drachenschirme schwingen,
Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.
Er meckert vor sich hin. Die Augen starren
Ins Wagenstroh. Der Mund kaut weißen Schleim.
Er zieht ihn schluckend durch die Backen ein.
Sein Fuß hängt nackt heraus durch zwei der Sparren.
Bei jedem Wagenstoß fliegt er nach oben.
Der Arme Ketten rasseln dann wie Schellen.
Man hört der Kinder frohes Lachen gellen,
Die ihre Mütter aus der Menge hoben.
Man kitzelt ihn am Bein, er merkt es nicht.
Da hält der Wagen. Er sieht auf und schaut
Am Straßenende schwarz das Hochgericht.
Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut.
Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht.
Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
Beitrag #7 vom 11.06.2007, 04:20Titel: Fröhlichkeit
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Fröhlichkeit
Es rauscht und saust von manchem Karusselle,
wie Sonnen flammend in den Nachmittagen,
Und tausend Leute schauen mit Behagen
Wie sich Kamele drehn, und Rosse, schnelle;
Die starren Schwäne und die Elefanzen;
Der eine hebt vor Freude schon das Bein
Und grunzt im hohlen Bauche wie ein Schwein.
Und alle Tiere fangen an zu tanzen.
Doch nebenan im Himmelslicht, dem hellen,
Gehen die Maurer, schwarz wie Läuse klein,
Hoch im Gerüst, ein feuriger Verein,
Und schlagen Takt mit ihren Maurerkellen.
Beitrag #8 vom 30.07.2007, 10:11Titel: Rußland, März 1911
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Rußland
März 1911
Mit weißem Haar, in den verrufnen Orten
Noch hinter Werchojansk, in öden Steppen,
Da schmachten sie, die ihre Ketten schleppen
Tagaus, tagein, die düsteren Kohorten.
In Bergwerksnacht, wo ihre Beile klingen
Wie von Zyklopen. Doch ihr Mund ist stumm.
Und mit den Peitschen gehn die Wärter um.
Klatsch! Daß klaffend ihre Schultern springen.
Der Mond schwenkt seine große Nachtlaterne
Auf ihren Weg, wenn sie zur Hürde wanken,
Sie fallen schwer in Schlaf. Und sehen ferne
Die Nacht voll Feuer in den Traumgedanken
Und auf der Stange, rot, gleich einem Sterne,
Aus Aufruhrs Meer das Haupt des Zaren schwanken.
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