Gedichteforum für deutschsprachige Lyrik und Gedichte
LoginLogin  RegistrierenRegistrieren  FAQFAQ  MitgliederlisteMitgliederliste  BenutzergruppenBenutzergruppen  Gedichte-Forum ÜbersichtForenübersicht
22.05.2012, 05:32

Profil Profil
 Einstellungen
 Private Nachrichten
Suchen Suche
 Beitrag, Thema, Autor
 Eigene Beiträge
 Seit letztem Besuch
 Unbeantwortete Beiträge
Suchen Letzte Themen
 Letzte Themen
 Beiträge von heute
 Beiträge seit gestern
 Beiträge letzter Woche
 Zufallsthema
Georg Heym (1887 - 1912)
Neues Thema eröffnen    Neue Antwort erstellen
Gedichteforum -> Bekannte Gedichte
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #1 vom 09.06.2007, 02:57  Titel: Georg Heym (1887 - 1912)  

Zentrieren
Die Seiltänzer

Sie gehen über den gespannten Seilen
Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen.
Und ihre Hände schweben über allen,
Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.

Das Haus ist übervoll von tausend Köpfen,
Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren
Wo oben hoch die dünnen Seile knarren.
Und Stille hört man langsam tröpfeln.

Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde
Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren
Und oben hoch im leeren Baume springen.

Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken
Und ihre großen Drachenschirme schwingen,
Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #2 vom 09.06.2007, 02:57  Titel:   

Zentrieren
Robespierre

Er meckert vor sich hin. Die Augen starren
Ins Wagenstroh. Der Mund kaut weißen Schleim.
Er zieht ihn schluckend durch die Backen ein.
Sein Fuß hängt nackt heraus durch zwei der Sparren.

Bei jedem Wagenstoß fliegt er nach oben.
Der Arme Ketten rasseln dann wie Schellen.
Man hört der Kinder frohes Lachen gellen,
Die ihre Mütter aus der Menge hoben.

Man kitzelt ihn am Bein, er merkt es nicht.
Da hält der Wagen. Er sieht auf und schaut
Am Straßenende schwarz das Hochgericht.

Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut.
Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht.
Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #3 vom 09.06.2007, 02:57  Titel:   

Zentrieren
Ophelia
I


Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #4 vom 09.06.2007, 02:58  Titel:   

Zentrieren
Deine Wimpern, die langen

Deine Wimpern, die langen,
Deiner Augen dunkele Wasser,
Laß mich tauchen darein,
Laß mich zur Tiefe gehn.

Steigt der Bergmann zum Schacht
Und schwankt seine trübe Lampe
Über der Erze Tor,
Hoch an der Schattenwand,

Sieh, ich steige hinab,
In deinem Schoß zu vergessen,
Fern was von oben dröhnt,
Helle und Qual und Tag.

An den Feldern verwächst,
Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
Hoher Dorn, hoch und krank
Gegen das Himmelsblau.

Gib mir die Hand,
Wir wollen einander verwachsen,
Einem Wind Beute,
Einsamer Vögel Flug.

Hören im Sommer
Die Orgel der matten Gewitter
Baden in Herbsteslicht
Am Ufer des blauen Tags.

Manchmal wollen wir stehn
Am Rand des dunkelen Brunnens,
Tief in die Stille zu sehn,
Unsere Liebe zu suchen.

Oder wir treten hinaus
Vom Schatten der goldenen Wälder,
Groß in ein Abendrot,
Das dir berührt sanft die Stirn.

Göttliche Trauer,
Schweige der ewigen Liebe,
Hebe den Krug herauf,
Trinke den Schlaf.

Einmal am Ende zu stehen,
Wo Meer in gelblichen Flecken
Leise schwimmt schon herein
Zu der September Bucht.

Oben zu ruhn
Im Hause der dürftigen Blumen,
Über die Felsen hinauf
Singt und zittert der Wind.

Doch von der Pappel
Die ragt im Ewigen Blauen,
Fällt schon ein braunes Blatt,
Ruht auf dem Nacken dir aus.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #5 vom 09.06.2007, 02:58  Titel:   

Zentrieren
Alle Landschaften

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau erfüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Leichte Geschwader, Wolken
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels dahinter
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #6 vom 09.06.2007, 02:59  Titel:   

Zentrieren
Die Mühlen

Die vielen Mühlen gehen und treiben schwer.
Das Wasser fällt über die Räder her,
Und die moosigen Speichen knarren im Wehr.

Und die Müller sitzen tagein, tagaus
Wie Maden weiß in dem Mühlenhaus,
Und schauen oben zum Dache hinaus.

Aber die hohen Pappeln stehn ohne Wind
Vor einer Sonne herbstlich und blind,
Die matt in die Himmel geschnitten sind.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #7 vom 11.06.2007, 04:20  Titel: Fröhlichkeit  

Zentrieren
Fröhlichkeit

Es rauscht und saust von manchem Karusselle,
wie Sonnen flammend in den Nachmittagen,
Und tausend Leute schauen mit Behagen
Wie sich Kamele drehn, und Rosse, schnelle;

Die starren Schwäne und die Elefanzen;
Der eine hebt vor Freude schon das Bein
Und grunzt im hohlen Bauche wie ein Schwein.
Und alle Tiere fangen an zu tanzen.

Doch nebenan im Himmelslicht, dem hellen,
Gehen die Maurer, schwarz wie Läuse klein,
Hoch im Gerüst, ein feuriger Verein,
Und schlagen Takt mit ihren Maurerkellen.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #8 vom 30.07.2007, 10:11  Titel: Rußland, März 1911  

Zentrieren
Rußland
März 1911


Mit weißem Haar, in den verrufnen Orten
Noch hinter Werchojansk, in öden Steppen,
Da schmachten sie, die ihre Ketten schleppen
Tagaus, tagein, die düsteren Kohorten.

In Bergwerksnacht, wo ihre Beile klingen
Wie von Zyklopen. Doch ihr Mund ist stumm.
Und mit den Peitschen gehn die Wärter um.
Klatsch! Daß klaffend ihre Schultern springen.

Der Mond schwenkt seine große Nachtlaterne
Auf ihren Weg, wenn sie zur Hürde wanken,
Sie fallen schwer in Schlaf. Und sehen ferne

Die Nacht voll Feuer in den Traumgedanken
Und auf der Stange, rot, gleich einem Sterne,
Aus Aufruhrs Meer das Haupt des Zaren schwanken.
Benutzer-Profile anzeigen E-Mail senden Offline Nach oben
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Gedichteforum -> Bekannte Gedichte Seite 1 von 1
Neues Thema eröffnen    Neue Antwort erstellen

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


© 2011 Gedichteforum.at | Impressum

Zierfischforum.at | Aquaristik-Zentrum Innsbruck | Aquarium-Kosmos
Besucher gesamt: 223.850 | heute  34 | gestern 167 | online 3 max. 91