Beitrag #1 vom 05.06.2007, 12:37Titel: Ernst Stadler (1883 – 1914)
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Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht
Der Schnellzug tastet sich
Und stößt die Dunkelheit entlang.
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger,
nachtumschienter Minengang,
darein zuweilen Förderstellen
blauen Lichtes jähe Horizonte reißen: Feuerkreis
von Kugellampen, Dächern, Schloten,
dampfend, strömend … nur sekundenweis …
und wieder alles schwarz.
Als führen wir ins Eingeweid der Nacht zur Schicht.
Nun taumeln Lichter her … verirrt, trostlos vereinsamt …
Mehr … und sammeln sich … und werden dicht.
Gerippe grauer Häuserformen liegen bloß,
im Zwielicht bleichend, tot –
etwas muß kommen … oh ich fühl es schwer
im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut.
Dann dröhnt der Boden plötzlich wie ein Meer:
Wir fliegen, aufgehoben,
königlich durch nachtentrissne Luft, hoch übern Strom.
O Biegung der Millionen Lichter, stumme Wacht,
vor deren blitzender Parade
schwer die Wasser abwärts rollen.
Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!
Wie Fackeln stürmend! Freudiges!
Salut von Schiffen über blauer See! Bestirntes Fest!
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt!
Bis wo die Stadt
Mit letzten Häusern ihren Gast entlässt.
Und dann die langen Einsamkeiten.
Nackte Ufer. Stille. Nacht. Besinnung.
Einkehr. Kommunion. Und Glut und Drang
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfeste.
Zur Wolllust. Zum Gebet. Zum Meer.
Zum Untergang.
Beitrag #2 vom 22.10.2007, 12:28Titel: Vorfrühling
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Vorfrühling
In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus
bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt entgegen.
In jedem Lufthauch war ein neues Werden ausgespannt.
Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.
Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt
war schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite führen sollten.
Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.
Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen,
in deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.
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