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16.12.2017, 20:06

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Dr. Love sagt: Frauen sind wie Berge
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Gedichteforum -> Circus maximus
juergen h.

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BeitragBeitrag #1 vom 30.03.2017, 19:53  Titel: Dr. Love sagt: Frauen sind wie Berge  

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Dr. Love sagt: Frauen sind wie Berge. Oben meistens in Wolken gehüllt und ziemlich präsent am Sockel. Die meisten Berge lassen sich gut mit Turnpatschen oder Espandrillos und ohne Steigeisen erklimmen. Für die eine oder andere ungewöhnliche weibliche menschliche Erhebung braucht man jedoch Sauerstoff in Flaschen, oder Prosecco. Verunglückte Bergsteiger pflastern den Weg nach oben, in den meisten Fällen gelingt der Gipfelsieg nur mit Lust und Tücke und technischer Innovation. Solche 8-tausender der Weiblichkeit können nur die wenigsten ohne flüssigen Sauerstoff bewältigen. Sie ist dann ein ungewöhnlich großer Berg, eine Monstranz mit unberechenbaren Lust-Lawinen und voll lebensfeindlicher Schluchten und Spalten. Und dann passiert es: Du bist oben! Diese Aussicht! Diese Schöpfung! Diese Entbehrungen und diese Erfüllung in diesem Augenblick! Klar, du lässt dich von einem Porno-Sherpa wieder runter tragen ins Basislager II, wo dir alle, alle die schon mal oben waren und die, die es nie schaffen werden, zum Gipfelsieg gratulieren. Und was machst du heute, labe die Fangemeinde mit dem Balsam der Erkenntnis. Heute, sagt Dr. Love, will ich nur mehr schlafen und mich erholen vom Gipfelsieg. Dann werde ich ausgiebig frühstücken, mit Speck, Rührei, Müsli, und mir danach den Kopf zerbrechen, wie ich den Berg über eine andere Route bezwingen kann.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #2 vom 31.03.2017, 23:52  Titel:   

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Ich habe niemals darum gebeten, weise zu werden. Welchen Vorteil hat es, dumm zu sterben? Der Verstorbene ist seine Sorgen los. Der Exit bereitet weniger Kummer als die Geburt. Während Dasein nach dem Sterben endet, eröffnet die Geburt eine Welt voll Fragezeichen: die Schmerzwelt, die Lustwelt, die Angst- und Genusswelt. Stellt man die Frage: was ist für Menschen problematischer, der Tod oder die Geburt? muss man sich nur vor Augen halten, was in 60 Lebensjahren alles passieren kann. Und was nach 10 Jahren Totsein übrig bleibt, außer Grabpflege-Gebühren oder verpixelte Handybilder.
Ganz zu schweigen von religiösen Lebensversicherungen á la Ewiges Leben oder ähnlichem Kirtagsklamauk. Ich hätte nichts dagegen, als dummes Vieh wiedergeboren zu werden, für alle Fälle ausgestattet mit längstmöglichem Überleben. Ich bin zum Beispiel damit einverstanden, als holländisches Rind wieder geboren zu werden, das in der Türkei grast. Dann werde ich ausgewiesen aus dem Paradies, und dann wird es garantiert spannend!
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juergen h.

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BeitragBeitrag #3 vom 27.04.2017, 22:48  Titel:   

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Ich habe mir vor einer Stunde eine Flasche Rotwein geholt bei der Tankstelle. Ein richtiges Scheißwetter für Scheißkerle. Es regnete fett in spahettinudelstärke und stricknadeldick, und außerdem war es saukalt, ein Wetterbericht hatte Schnee bis in Tallagen, also bis zu mir, angekündigt. Davon kann ich noch nichts sehen, vielleicht weil ich plötzlich schneeblind geworden bin: ich will keinen Schnee mehr sehen, also gibt es ab heute keinen mehr. Ab heute ist Frühling. Und wenn der verfickte Frost sich heranwagt an den Apfelbaum, den ich für meinen jüngsten Sohn gepflanzt habe: der Abschaum aller Heizkörper, der Hass jedes Zigaretten- und Pfeifenrauchers sei wider ihn, und der harte Klumpfuß einer schweinchenrosa aufblühendenen Hortensie möge ihn treten und abhalten von seinem Werk. Es ist viel besser, ein mildes Lüftchen zu sein, statt Väterchen Frost: Mütterchen Lust. Das war das Wort zum scheidenden Donnerstag. Ihr könnt jetzt schlafen gehen.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #4 vom 01.05.2017, 22:26  Titel:   

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Schnee am 1. Mai

Ich bin mir sicher, dass es schneit, sobald ich zum Fenster hinaus schaue. Meistens bin ich dann schuld daran, dass es jetzt schneit. Schon in der Bibel steht: wenn du nicht willst, dass es schneit, schau nicht zum Fenster hinaus. Aber heute schauen alle raus, und alle sehen den Schnee. Der bleibt nicht liegen, Maischnee tut nicht weh, weißt du das nicht?

Schnee am 1. Mai. Meine Liebste mag Schnee. Aber sie mag auch Äpfel, und Apfelstrudel mit Zimt und Schlagsahne. Und wenn der Schnee mit Frost daherkommt, und die kalte Sophie - oder wie auch immer die Frosttaggirls heißen, Kylie oder Chantel - den Apfelbaum wieder abfrieren lassen wie im letzten Jahr? Der Supermarkt führt israelische Äpfel das ganze Jahr über im Angebot. Das sind Momente, die wie Wolken sind vor dem Mond.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #5 vom 06.05.2017, 19:50  Titel:   

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Ein phänomener Abend der Lust und des Lasters. Zum Sterben viel zu schön, dem Leben geschuldet. Ich trage die Last unserer Lust auf meinen Schultern, die breit sind wie das Himalaya-Gebirge. Ich möchte dass du mich bittest, abends den Müll hinaus zu bringen zur Sammelstelle. Unseren Müll. Damit man das recyclen kann. Damit die Träume, Wünsche und Ideen noch einmal zu Plastiksäcken werden oder brennenden Autoreifen. Oder Kotbeuteln für Hunde. Bis jetzt haben es Wissenschaftler nicht geschafft, Kondome zu recyclen und dem erneuten Lustkreislauf zuzuführen. Lustabfall lässt sich nicht wieder verwerten. Und Liebe nicht recyclen. Oder doch?
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juergen h.

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BeitragBeitrag #6 vom 10.05.2017, 20:35  Titel:   

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Unter Kurzzeitnebenwirkungen von Cannabis fällt unter anderem auch Blutdruckabfall. Daher kann es, besonders bei Menschen mit einem niedrigen Blutdruck, zu einer Ohnmacht kommen. Alkohol fördert das Ganze. Also, ein guter Schluck Whiskey, ein intensiver Zug am Joint, und außerdem Komisches, etwas Verrücktes anhören im Livestream, etwas tragisch-komisches belächeln, eine kleine Ungereimtheit wie Aufstehen wollen und sich strecken oder man macht sich auf den Weg zum Klo. Oder der Versuch, das zu wollen, doch wie sollte das funktionieren ohne Füße, die an Beinen hängen, die an der Hüfte montiert sind, die nicht da ist. Viel kann einen hysterischen Lachanfall auslösen, und Bumm: 5 Sekunden Auszeit. Oder sechs? Die Zeit der Ohnmacht vergeht schnell, fast so schnell, als wären plötzlich die Dinosaurier ausgestorben oder Säugetiere auf der Erde nachweisbar. Man schläft nicht, man ist nicht richtig tot, pendelt wie ein Metronom zwischen beiden Zuständen, unfähig, sich für einen Zustand zu entscheiden. Es ist eine Art Totsein mitten im Leben. Aber ich mag meine Materie, den katastrophalen Zustand meiner Achselhöhlen und den Brustbewuchs, ein Biotop aus Waldlichtungen, Rehen und pfeifenden Murmeltieren zwischen zerküfteten Brustwarzen, und deshalb putze ich mir jeden Morgen und am Abend die Zähne. Deshalb solltet ihr das ebenfalls so angehen, oder ähnlich halten, je nach dem, was gerade ansteht.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #7 vom 11.05.2017, 21:00  Titel:   

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Toiletten sind wichtige Sympathieträger. Man geht aufs Klo, nie wird man zum Klo getragen. Toiletten kommen nicht zu dir und stellen sich vor: Guten Tag, ich bin ihr Lieblingsklo. Keine Toilette reißt sich um dich und deine Exkremente, und Geld bekommen sie auch nicht dafür, für alle Fälle da zu sein. Nur deine Anerkennung.
Ich muss für kleine Mädchen, sagt die Großmutter Marke Eichel-Sau im Schnapskartenspiel und entfernt sich mit neckischem Knicksgang. Ich muss austreten. In welche Richtung? Gestatten sie, wo ist hier das na sie wissen schon stille Örtchen, die fäkale Versandabteilung?
Ich muss einen Kärntner abseilen. Unterstreiche die Veröffentlichung zur Absicht des Kloganges in John-Wayne-Gangart, damit die Dringlichkeit der Ablasshandlung für alle ersichtlich ist.
Alles nur, um sich zu erleichtern. Oder Makeup aufzufrischen. Ganz früher war das nicht anders. Anders war, dass Klotüren und Klowände auch zum spontanen Schriftverkehr benutzt wurden durch Ritzen von Runen mit Taschenmessern oder Kalligraphie mit Permanent-Markern. Sehr viel früher schiss man sich nicht in Hosen, die kamen erst später und hießen dann Levis oder Mustang. Der Urmensch defäkierte und vergrub sein Werk oder ließ es zum Revieranspruch liegen. So entstand das erste Word-Dokument: Null Inhalt, 500 KB Speicherplatz.
Anja+Martin, oder Felix und dazu eine Telefonnummer. Wenn man sich 2017 Scheißhäuser anschaut fällt einem auf: es wird nicht mehr über das Klo kommuniziert. Im Klo schon, kacken und Whatsapp-Nachrichten schreiben passieren synchron. Doch das Medium Scheißhaus ist - fast so unbemerkt wie das Verschwinden der Autoantennen - ausgestorben. Gäbe es da nicht den aufmerksamen Chronisten und Klugscheißer, der das irritiert moniert, manifestiert und alles mit Whiskey hinunter spült. Klosprüche passieren jetzt nimmer, wir schnitzen nicht mehr Herzchen in Türstöcke, von denen weiße Farbe blättert.
Früher, als wir noch eine Meinung hatten und darauf bestanden, dass wir gerne hätten, was wir wollen, ohne ausdrücklich darauf zu bestehen, was niemanden interessiert hätte, da verliehen wir mit Spontisprüchen, romantischen Herzen oder rechtsradikalem Müll unserer Meinung Ausdruck. Bescheiß mich nicht, fleht das von Vorgängerbrunze gereinigte Klo. Aber du bist sauer und musst jetzt kacken. Du verdaust Grünkohl, Kirschkuchen und Schokolade. Der Speicherplatz für Scheiße ist unendlich groß. So wie früher, als Peter noch Elke liebte, oder Max Moritz. Kauft den Kindern wieder Taschenmesser!
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juergen h.

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BeitragBeitrag #8 vom 02.06.2017, 23:20  Titel: Maggi  

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Man hasst oder liebt es. Verwendet noch jemand den salzreichen Pflanzensud in der braunen, verklebten, rechteckigen Glasflasche mit rotem Ausgießer? Was so lange gut war, kann doch nicht schlecht sein, oder? Widerspricht die Maggi-Doktrin mit Einheitsgeschmack in Suppe oder Gebratenem einfach dem Zeitgeist nach Individualität bis in die letzte Geschmacksknospe? Es kann auch beruhigend sein, Heimat zu essen. Meine Kids sind heimatlos. Sie ernähren sich avokadoaffin, kennen süßsaure Dips und quetschen außerdem ketchupfixiert rote Plastikflaschen, als müsste man ein Tier, das süßes Tomatenmark gibt, melken. Ich überlege mir, ob ich den Nachwuchs mit Maggi Suppenwürze konfrontieren darf oder ob man ihnen das Wissen darob, was alles gut und fressbar ist, auf dem Weg der Selbsterkenntnis zumuten kann. Die Kitze lernen von den Rehinnen und Rehern, welche Kräuter man essen darf und was gaga schmeckt oder giftig ist. Ich sage: lasst sie Maggi schmecken, hassen oder lieben lernen. Als Rehbock habe ich Angst vor Maggi. Maggi vereinnahmt für sich so viele rechte Werte, dass man dem Nahrungsergänzungsmittel als Opfer auch später noch eine gehörige Portion Respekt entgegen bringen sollte. Maggi ist das Entlaubungsmittel unter den Geschmacksverstärkern, die braune Flüssigkeit wurde von einem Schweizer, einem Europäer, erfunden und als harmloser Geschmacksverstärker unter die Völker gebracht, die sich den Maggi-Universalgeschmack mangels anderer vorindustrieller Einheitswürzen oder gar eigenständiger Geschmacksfreiheit derart einverleibten, dass die klare Rindsuppe ohne Maggi Suppenwürze ein nachhaltig schädliches Nutzerlebnis im Suppenesser erzeugte. Der hungrige Löffler landet an einem Tisch, auf dem nur Salz, Pfeffer, Servietten oder Zahnstocher blühen, mit unruhig flatterndem Blick wie ein unglücklicher Schmetterling, der sich auf dem Heimweg verflogen hat.
Vielleicht wächst auf einem der Nebentische eine genießbare Flasche? Der Suppenuser schnappt sich den nächstgelegenen Maggibaum, bohrt den Ausgießer mit einem Zahnstocher auf und darf endlich abspritzen in seine Nudelsuppe. Maggi war nicht immer so, bis es plötzlich verschwunden ist. Wer Maggi nicht kennt, hat ein Problem weniger, solange er nicht beschließt, es zu kosten.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #9 vom 29.06.2017, 00:57  Titel:   

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Um diesen Artikel, ohne ihn jemals gelesen zu haben, zu konsumieren gehen Sie bitte wie folgt vor:
- stemmen Sie bitte den obere Hälfte Ihres Schädels ab und reinigen diese von Mitdenken und evt. Restgedanken
- brunzen Sie in die gereinigte Hirnschale
- trinken Sie die Brunze aus der Hinschale. Keine Sorge, Pisse ist steril und macht Sie nicht kränker, als Sie bereits sind
- passen Sie die leere Hirnschale wieder Ihrem Kopf an
- reinigen Sie nach dem Umfüllen des Gehirns den Becher
- danken Sie ab und geben Ihre Lesekompetenz an einen anderen Trottel weiter
Riesenhummer auf Bostoner Flughafen entdeckt
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juergen h.

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BeitragBeitrag #10 vom 27.09.2017, 20:41  Titel:   

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Für ein paar Minuten war es hier auf fb nur möglich, die Beiträge der fb-Freunde abzurufen. Keine Newsfeeds mehr. Nicht, dass mich nicht interessieren würde, wer was heute gegessen oder großartig geschissen hat. Seit diesem Moment bin ich der Überzeugung, dass man facebook nicht braucht. Mein Ur-Ur-Urgroßvater, Rasputin, hat das Internet erfunden. Das ist keine Frage der Einstellungen auf der Seite: der facebook-Supergau. Man kann nur noch die letzten Beiträge der facebook-Freunde lesen. Mühsam, uninteressant, todlangweilig. Das soll es gewesen sein? Du bist vielleicht selbst daran schuld, weil du ebenfalls uninteressant, langweilig oder irgendwie gewöhnlich bist. Zu fade, um interessante, aufregende und außergewöhnliche Freunde in der Freundesliste zu führen. Damit läute ich - wie einst mein Ur-Ur-Großvater Friedrich Torberg den Untergang des Abendlandes in elektronischen Anekdoten - den Untergang von facebook ein. Schon mein Urgroßvater Johann Pichler, der sich im letzten Krieg einige Granatspilitter einfing und danach ein pfeifendes Hörgerät benutzen musste, las beim Frühstück seine Kronenzeitung. Er hatte keine Freunde und kam gut damit klar, dass er nur der Pichler war, Schlossermeister und Vater zweier Töchter, die zusammen fünf Kindern das Leben schenkten. Die meisten der Enkel sind bei Autounfällen gestorben und nicht in einem Krieg. Einige sind noch am Leben, aber es werden weniger. Die beiden Töchter des Pichlervaters gebaren sechs Kinder, die mindestens ein Dutzend Enkel und Urenkel hervorbrachten. Von den Lebenden kennt keiner mehr den Pichlervoda. Hätte der Pichlervoda, dem vor Stalingrad die Granaten um die Ohren flogen, von den Nervensägen der Nachkommen auf facebook etwas gewusst - er wäre gefallen. Er hätte sich seine Kugel eingefangen, die nicht harmlos gewesen wäre. Er hätte sein Leben reduziert auf die Verantwortung, nicht für zukünftiges Gesox verantwortlich zu sein. Stattdessen hatte er Glück. Anstelle im Massengrab die Kronenzeitung zu lesen interessierte ihn das Knochenmark der Rindsuppe. Er löffelte es aus dem Markknochen und strich es auf Schwarzbrot, salzte den Happen nach und verschlang ihn genüsslich. Schweinshirn, klagte die Großmutter, aß der Vater immer selber. Hirn mit Ei. Das sei für Kinder ungesund, sagte der Pichlervater und fraß sich mit Schlachtabfällen voll.
Danach legte er sich für eine Stunde hin, um zu verdauen. Und dann ging der Pichlervoda spazieren, beschimpfte die Uroma, sah Schwarzweiß-Fernsehen und ging nach einem Schwarztee mit Butter und Honig zu Bett. Eigentlich bin ich ziemlich froh, dass mein Nazi-Uropa überlebt hat. Er war ein schlechter Mensch, und ich muss ihm trotzdem dafür danken, dass er nicht fiel und seine Töchter zeugte. Als Nachgeborener, wie Onkel Bert immer sagte, tat ich es ebenfalls und pflanzte mich fort. Aber meine Kinder scheißen auf facebook. Der Untergang des Abendlandes erfolgt jeden Tag auf's Neue, auch ohne facebook. Und der Aufgang ebenfalls. Meide facebook. Das Wesentliche findet auch ohne dich statt, spare dir die Versuche und verschwende deine Zeit besser mit Nächstenliebe.
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juergen h.

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BeitragBeitrag #11 vom 07.10.2017, 19:28  Titel: Grimaldi oder Pagliacci  

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Wenn mich nicht alles täuscht hat Hellmuth Krarasek die Anekdote einmal in einem Interview erzählt. Der Clown war nicht Pagliacci, sondern Joseph Grimaldi, der nach einem kalten und trübseligen Wintertag am Zürcher See zum Psychiater ging und um Hilfe bat. Der Doktor riet: Gehen sie am See spazieren.
Der Patient entgegnete, das hätte er bereits erfolglos getan.
Besuchen sie eine Vorstellung des Clowns Grimaldi, empfahl der Doktor. Der gastiere in der Stadt und die Vorstellung sei sehenswert. Zutiefst erschrocken entgegnete der Patient: Aber ich bin doch Grimaldi!

Das Witzigste an der Anekdote muss die Erkenntnis gewesen sein, dass die Besucher von Grimaldis Show alle irgendwie psychische Probleme haben. Davor kann man als Entertainer schon erschrecken. Was nicht heißen soll, dass alle Wandafans einen Klopfer haben.

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https://www.facebook.com/radioFM4/videos/10156663579596258/?hc_ref=ARTYKnS_GszcxwpWw6OZgxV_HZLA8RKacDfuEe_AbEM1EOeFjt1qm0tW_n13q7L4PvM&pnref=story
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juergen h.

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BeitragBeitrag #12 vom 14.10.2017, 21:57  Titel:   

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Wisst ihr eigentlich wie schlimm es für einen Oberösterreicher ist, wenn er in Tirol eine Leberkäsesemmel isst? In Tirol heißt die Lebakassömmi nämlich nicht Lebakassömmi, sondern Fleischkassömmi. Dass das nicht nur anders klingt als Lebakassömmi, sondern auch anders schmeckt als eine Lebakassömmi müsst ihr mir jetzt einfach glauben. Schließlich lebe ich hier. Ach o weh - es gibt ein paar Sachen, die man in Tirol lieber nicht essen sollte. Apfelstrudel zum Beispiel, Szegediner-Gulasch oder eben eine Leberkäsesemmel. Diese Gerichte isst man besser in Linz oder in Wien. Das schmeckt im Osten einfach besser. Die Leute sind da auch fetter und behäbiger als in Tirol. Die Luft ist dünner hier, und der Leberkäse karg. Das Fett muss spritzen, wenn man in eine Leberkäsesemmel beißt. Die Semmel muss immer frisch und knusprig sein und in der Mundhöhle müssen sich Fett und Brot harmonisch mischen. Estragonsenf muss auf eine Brötchenhälfte geschmiert werden, niemals direkt auf den Leberkäse selber. Der Senf muss möglichst kalt reinknallen. Den besten Leberkäse in der Semmel bekommst du in Innsbruck beim Interspar in Neu-Rum an der heißen Theke. Derzeit in Aktion um 1 EUR pro Semmel. Wenn man dort öfter hingeht kennen einen die Verkäuferinnen (nie sah ich dort einen Mann) und bekommt Sympathierabatt. Zum Beispiel eine doppelt so dicke Scheibe als das das Leberkasportionsmesser mit genormter Schneiddicke zulässt. Aber, sagt die Verkäuferin, ich kenn dich, du verratest mich net. Ich nehme nur Käseleberkäse. Den normalen Leberkäse kann man nicht essen als Oberösterreicher. Aber der Käsleberkäse trieft vor Fett und ist auch geschmacklich in Ordnung. Der Leberkas ist heiß, die Semmel - immer ein Manko in Tirol - grenzwertig resch, der Senf angenehm würzig. Auf Wunsch auch mit Pfefferoni oder Gurke. Der Leberkäse hier wird von der Fa. Tann hergestellt. Den Leberkäse gibt es außerdem noch in einer pikanten Geschmacksrichtung mit Paprika und Tomaten. Tirol ist ein Nudelland und kein Leberkäseland. Oberösterreichische Immigranten gewöhnen sich in diesem Land ganz schnell kulturelle Eigenheiten ab. Im Nudeläquatorland Tirol spielen Apfelstrudel, Leberkäse oder Gulasch nur eine untergeordnete Rolle. In Oberösterreich ist eine gute Leberkäsesemmel ein anerkanntes Menschenrecht. In Tirol, wo man entweder ein Mensch ist oder kein Tiroler, schaut das etwas anders aus. Wir Oberösterreicher haben ähnliche Anpassungsschwierigkeiten wie Türken, Tschetschenen oder Syrer. Die sprachliche Barriere kann man nur schwer überwinden. Dazu kommt, dass die Tiroler Trottel sind. Nur die Tirolerinnen sind schwer in Ordnung. Mamma Mia, das sind Käseleberkäsefrauen mit Nudelhaaren!
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juergen h.

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BeitragBeitrag #13 vom 09.11.2017, 22:27  Titel: Dienstage  

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Hier nun das Wort zum scheidenden Dienstag am Donnerstag:

Dienstage sind wie verschmissene Einkaufswagenmünzen. Sie sind nichts wert und problemlos ersetzbar. Man pflegt den Kummer vom gschissenen Montag und hegt am Dienstag leisen Groll, dass Wochen immer so hundselendslang sein müssen. Aber Dienstage können auch aufregend sein. Ja, du musst nur etwas gutes kochen an einem Dienstag. Dienstäglich Trockenbrot und Wasser müssen nicht sein. Als Superkur servierst du einer Frau oder deiner Mutter geschmorte Gänsekeulen mit Rotkraut, Kartoffelknödeln und glacierten Esskastanien. Dann kann der Rest der Woche nur noch abstinken und der Dienstag wird zum Sonntag ohnegleichen. Und das zum Wochenbeginn, wenn auch bereits an seinem Ende! Wie steht es in der Bibel? Am zweiten Tage aß der Herr ein Gansl und beschwerte sich sehr beim Wirten, dass das Rotkraut noch nicht erfunden worden ist. Also aß er den Ganslbraten noch einmal am Freitag, als es Rotkraut im Überfluss gab, aber noch keine Maroni. Am Samstag jedoch, da er nichts mehr vermisste, wurde Gott nachdenklich und trank viel von dem Wein, den er am Tag davor beim Pantschen ebenfalls erfand. Er schlief seinen Rausch am Samstag aus und verkündete am Sonntag mit struppigen Haaren und verpickten Augen sinngemäß: Es ist vollbracht. Verdammt, ich glaube, jetzt muss ich kotzen.
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