In Herbstestagen bricht mit starkem Flügel
Der Reiher durch den Nebelduft.
Wie still es ist; kaum hör ich um den Hügel
Noch einen Laut in weiter Luft.
Auf eines Birkenstämmchens schwanker Krone
Ruht sich ein Wanderfalke aus.
Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne
Äugt er durchdringend scharf hinaus.
Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte
Schleicht neben seinem Wagen Torf.
Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte
Der alte Schimmel ihn ins Dorf.
Klingling, bumbum und tschingdada,
Zieht im Triumph der Perserschah?
Und um die Ecke brausend brichts
Wie Tubaton des Weltgerichts,
Voran der Schellenträger.
Brumbrum, das große Bombardon,
Der Beckenschlag, das Helikon,
Die Piccolo, der Zinkenist,
Die Türkentrommel, der Flötist,
Und dann der Herre Hauptmann
Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn,
Die Schuppenketten unterm Kinn,
Die Schärpe schnürt den schlanken Leib,
Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib,
Und dann die Herren Leutnants.
Zwei Leutnants, rosenrot und braun,
Die Fahne schützen sie als Zaun;
Die Fahne kommt, den Hut nimm ab,
Der bleiben treu wir bis ans Grab!
Und dann die Grenadiere.
Der Grenadier im strammen Tritt,
In Schritt und Tritt und Tritt und Schritt,
Das stampft und dröhnt und klappt und flirrt,
Laternenglas und Fenster klirrt,
Und dann die kleinen Mädchen.
Die Mädchen alle, Kopf an Kopf,
Das Auge blau und blond der Zopf,
Aus Tür und Tor und Hof und Haus
Schaut Mine, Trine, Stine aus,
Vorbei ist die Musike.
Klingling, tschingtsching und Paukenkrach,
Noch aus der Ferne tönt es schwach,
Ganz leise bumbumbumbum tsching;
Zog da ein bunter Schmetterling,
Tschingtsching, bum, um die Ecke?
Wolkenschatten fliehen über Felder,
blau umdunstet stehen ferne Wälder.
Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
kommen schreiend an in Wanderzügen.
Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
überall ein erstes Frühlingslärmen.
Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.
Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
wollt' es halten, mußt' es schwimmen lassen.
Ein großer Rabe, auf den Ast gedrückt,
Sticht ab als einziger Farbenstrich vom Schnee.
Nein doch! ein altes Mütterchen, gebückt,
Im Wind wie rot die Nase, Jemine,
Kommt mühsam, hüstelnd, trippelnd angerückt.
Im Schürzentuch die Linke, Frost tut weh,
Hält rechts sie einen Teller, kühn geschmückt
Mit eines sauren Herings Glorie.
Beitrag #6 vom 13.03.2008, 19:17Titel: Souvenir de la Malmaison / Liliencron
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Souvenier de la Malmaison
Die menschenblasse Rose legte ich
Auf deine kalten, überkreuzten Hände,
Und strich dein Haar zurück und pflegte dich,
Ob ich dein jubelnd Leben wiederfände.
Im Zimmer, irregeflogen, regte sich
Ein Schmetterling, die alte Grablegende.
Dein Sarg schloß zu, der Kummer fegte mich
In fernes Land aus trostlosem Gelände.
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Ich liebe das Gedicht sehr, denn die genannte (historische) Rose, die Kaiserin Josephine in ihrem Garten hatte - die steht auch in meinem Garten...und duftet wie alle Wohlgerüche der Welten.
Sehr beeindruckend das ganze Gedicht!
legte ich - pflegte dich - regte sich - fegte mich
Allein die Abfolge der Endreime lässt eine Krankengeschichte entstehen.
Heisst es wirklich 'irregeflogen'? Das wär eine Silbe zuviel bei der konsequent durchgezogenen Form; irrgeflogen passt auch zu Liliencrons Schreibstil.
Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Atem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte -
Glückes genug.
Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn ich an deinem Herzen lag,
Und nicht mehr dachte an ein Morgen -
Glückes genug.
Beitrag #10 vom 15.03.2008, 16:14Titel: Auf dem Kirchhof
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Übrigens:
In meinem Gedichtband heißt es DOCH : "irrgeflogen"
Ich hatte es einmal aus dem Internet kopiert, vielleicht hat man sich da schon vertan.
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Auf dem Kirchhof
Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
ich war an manch vergessenem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
die Namen überwachsen, kaum zu lesen.
Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten,
auf allen Gräbern taute still: Genesen.
Ah, doch irrgeflogen. Ich hätte mich sehr gewundert, wenn L. das so gewollt hätte - man bleibt da regelrecht hängen im Lesefluss, ohne dass sich durch diesen 'mutwilligen' Holperer eine weitere Bedeutungsebene auftut. Spart mir ein paar Stunden Suche in meinen Bücherkisten, danke für die Richtigstellung
Im Netz findet sich nur eine Quelle für 'irrgeflogen', die anderen haben abgekupfert...
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