Danke fürs Feedback - ich werde mich auf jeden Fall noch einmal dransetzen.
Bei einem Liebesgedicht habe ich immer panische Angst für Schwülstigkeiten...deshalb habe ich auch so lange zugewartet bis ich mich dran getraut habe. Und vermutlich klingt es deshalb auch so protokollhaft.
Beitrag #5 vom 07.04.2008, 10:01Titel: Liebe und andere Unfälle
Zentrieren
So, liebe Irene,
Also,
Ein Liebesgedicht nicht zu lang machen -
die Länge macht es nicht besser. Auch in vier Zeilen kann viel Gewicht stecken.
- Die Reimform besser meiden ( nur ein absoluter Könner sollte sich an Liebesreime ranmachen) -
Das Wort Liebe nicht (zu oft oder gar nicht)erwähnen - es muss aus dem Gedicht aufsteigen wie der Geist aus der Flasche.
Manchmal zerquetscht man einen guten Ansatz durch zu bemühte
Stropheneinteilung. Vorsicht: sensibel damit umgehen.
Ich selbst finde die Strophenform ungeeignet für Liebesgedichte; für mich wäre das wie ein Gefängnis für den Verlaufsfluss.
Daher fbei mir nur Prosagedicht mit oder ohne Enjambements.
Die Worte so wählen, dass der Sinn sich nach allen Seiten öffnen kann. Keine Festlegung, keine Fakten - sondern schwebende Lyrik - die auch mal deftig sein darf.
Hierl zwei unterschiedliche Liebesgedichte aus meinem Fundus:
"Atemmüde
lagen wir ineinander
und träumten uns
fort bis der Mandelduft
verflogen war
nur die Mulde
im Laken
erinnerte noch
manchmal an dich."
-----
Ein expressionistisches dagegen:
"Er trägt lippenrot,
stiehlt Federn
für Liebesnester
im Blaulicht
fremder Augen,
heimatlos
in Zweifarbigkeit."
..ich weiß, das ist gewöhnungsbedürftig, aber ich mag es sehr.
---------------------------
"Als du gingst
lagen da noch
deine Liebesworte
unbenutzt
nun liegen sie mir
auf der Zunge
und wünschen,
dass ich sie
im Munde führe
ohne Bitterkeit."
Also, versteh es nicht falsch, Irene - das sind beileibe keine tollen Gedichte -
aber sie sind so gehalten, dass der Leser eigene offene Stellen aufstöbert, die energetisch weiterwirken, wenn er es will.
Gruß, jorona
Sodala...was jetzt daraus geboren wurde, mag vielleicht noch viel skurriler und eigentümlicher sein als sein Vorgänger, aber ich kann nicht anders - es muß raus, sonst zerplatze ich.
Hach, was für ein Rausch!
Wir verknoten uns
in vertrauter Manier -
verschmelzend zu einem
phantasmagorischen
Körperkonstrukt.
Zwei Eingehüllte
in einem Kokon
zerplatzender Seifenblasen
halten Ausschau
nach knospenden
Verheißungen.
Flottieren Gespräche
freischwebend
durch unendlich
verschachtelte
Gedankenräume.
Wir Kosmonauten
der Badewanne
landen erst wieder
um die Seife
verhandelnd.
Ich bin selbst zutiefst schockiert ob meiner feuerwerksähnlichen Beschreibung einer Badewannenszene - steinigt mich...aber bitte nicht mit Ziegelsteinen
Wieder keine Weichheit im Text...ich krieg das einfach nicht hin - meine Schwulstphobie scheint sich nur auf Liebesgeflüster zu erstrecken - schrulligen Schwulst produziere ich offenbar eimerweise...oh Gott, ich kann nicht mehr aufhören.
Es geht nicht nur um Schwulst oder dessen Vermeidung,
sondern vielmehr um ein flüssiges und geschmeidiges Ganzes. Und da zeigen sich Schwächen. Man kann alles mögliche in das Gedicht packen, aber in der von dir gewählten Form seh ich das nicht..
Das führt allzu gern zu einem "Strophenleiern" und ebenso dazu, dass man zu wenig Platz für die Feinheiten hat - denn dazu bieten Strophen wie deine zu wenig Raum.
Sie wirken - s.o. - jede einzeln wie in den Boden gerammt. Und bewegen sich nicht mehr.
Vielleicht versuchst du es wirklich mal mit einem leichten, kürzeren Prosagedicht.
Ich denke, dass du eher Formprobleme hast.
Schrullen können aber ein schönes Stilmittel sein...
Ich wollte einfach den Inhalt nicht zu sehr verkürzen, da Badewannenbesprechungen eben einen bestimmten szenischen Ablauf haben:
- den komplizierten Einstieg zweier Leute in eine viel zu enge Badewanne
- den dazugehörigen Schaum, der sich auflöst
- Auschweifende Gespräche über Gott und die Welt
- Das Sich-wieder-sammeln
Zitat:
Man kann alles mögliche in das Gedicht packen, aber in der von dir gewählten Form seh ich das nicht..
Im Prinzip nur 4 Sätze - leider ergeben sich aus denen automatisch auch 4 Strophen. Wie könnte man, ohne den Inhalt komplett zu destruieren, das Ganze flüssiger machen?
Wir verknoten uns > "Komm, lass uns
in vertrauter Manier - > verknoten, verschmelzen -
verschmelzend zu einem > ineinander atmen,
phantasmagorischen > Wellenweich in vertraute
Körperkonstrukt. > Körperwelten gleiten"
Eine Möglichkeit von Vielen :So kann man es auch angehen - es ist flüssiger und hat mehr Charme.
"phantasmagorisch" ist ein netter Ausdruck, aber er macht hier die Lyrik kaputt, ebenso wie "Körperkonstrukt"
Nicht an den Lieblingsausdrücken kleben, sondern einfach IMMER auf Geschmeidigkeit und fließende Übergänge achten.
Zwei Eingehüllte > zwei eingehüllte Gestalten
in einem Kokon > auf Seifenblasenjagd
zerplatzender Seifenblasen > entsteigen lächelnd
halten Ausschau > dem zerplatzten Kokon
nach knospenden > Ausschau haltend
Verheißungen. > nach neuen Liebesverheißungen
------
Fazit: Man kann (fast) alles machen, auch jenseits der Reim- und Strophenzwänge.
Aber es muss gut sein und eine Melodie haben.
Versuch mal, die anderen Strophen eben in dieser (von mir vereinfachten) Weise zu überdenken.
Einfach bisschen basteln.
Lieben Gruß, jorona
Oje, Jürgen!
Ihr verliebt euch hier zu sehr in tolle Wortkonstruktionen.
Ich denk, man sollte nicht gleich von null auf hundert beschleunigen.
Erstmal die Worte, den Duktus leicht verändern. Der Sinn ist zweitrangig, wenn die Melodie gefunden ist.
In diesem Sinne würde ich glatt die ersten drei Zeilen deines Konstrukts weglassen.
Der Rest ist wunderbar, Bravo!.
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