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Archimedes
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Flam

Anmeldedatum: 17.06.2022
Beitr´┐Żge: 7
BeitragBeitrag #1 vom 17.06.2022, 19:25  Titel: Archimedes  

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Was es werden sollte: Eines von 5 Dramen zu je 4 Strophen f´┐Żr die Einreichung beim Feldkircher Lyrikpreis zu dem Thema "auf der Seite nur die Kontur eines Kreises"

Was es wurde: einsam und uneingereicht

Jetzt ist es hier.


Archimedes

Im ´┐Żu´┐Żersten S´┐Żden vom Isthmus,
in Annalen der Ew'gen Stadt siehst Du's,
eroberte Rom
mit brutalem Pogrom
Syrakus auf Sizilien
so um zweihundertdreizehn vor Christus.

Es lebte zu selbigen Zeiten
in der Sonne der dortigen Breiten
Archimedes der Weise
und schon etwas greise
Architekt und begnadeter Rechner,
bekannt in fast s´┐Żmtlichen Weiten.

Ihn wollte Marcellus erlangen,
um f´┐Żr Rom sein Genie einzufangen.
Doch der Soldat, der ihn fand,
hat ihn gar nicht erkannt,
und lie´┐Ż Archimedes per Pedes
mit 'nem Streich seines Schwertes zum Orcus gelangen.

Vom Tagwerk des sehr gro´┐Żen Geistes
blieb statt 'nes konkreten Beweises
auf Papierseiten nur
leidgepr´┐Żft die Kontur
eines schmerzhaft gebeutelten Kreises.

_________________
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Schreiben und schreiben lassen.
...und manchmal einfach schreiben sein lassen!
Daunen-Granit-Hybrid
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Brigitte

Anmeldedatum: 25.04.2017
Beitr´┐Żge: 1234
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #2 vom 20.06.2022, 14:47  Titel: Re: Archimedes  

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Flam meint dazu:
Was es werden sollte: Eines von 5 Dramen zu je 4 Strophen f´┐Żr die Einreichung beim Feldkircher Lyrikpreis zu dem Thema "auf der Seite nur die Kontur eines Kreises"

Was es wurde: einsam und uneingereicht

Jetzt ist es hier.


Archimedes

Im ´┐Żu´┐Żersten S´┐Żden vom Isthmus,
in Annalen der Ew'gen Stadt siehst Du's,
eroberte Rom
mit brutalem Pogrom
Syrakus auf Sizilien
so um zweihundertdreizehn vor Christus.

Es lebte zu selbigen Zeiten
in der Sonne der dortigen Breiten
Archimedes der Weise
und schon etwas greise
Architekt und begnadeter Rechner,
bekannt in fast s´┐Żmtlichen Weiten.

Ihn wollte Marcellus erlangen,
um f´┐Żr Rom sein Genie einzufangen.
Doch der Soldat, der ihn fand,
hat ihn gar nicht erkannt,
und lie´┐Ż Archimedes per Pedes
mit 'nem Streich seines Schwertes zum Orcus gelangen.

Vom Tagwerk des sehr gro´┐Żen Geistes
blieb statt 'nes konkreten Beweises
auf Papierseiten nur
leidgepr´┐Żft die Kontur
eines schmerzhaft gebeutelten Kreises.


Hallo Flam,

Du hast Dir sehr viel M´┐Żhe gegeben,
das Gedicht ist hochintelligent,
aber gewonnen hat wer anderer mit einem einfachen Text.

Die vierk´┐Żpfige Jury des Feldkircher Lyrikpreises hat ausdr´┐Żcklich die "unaufdringliche, reduzierte Sprache" und die "pr´┐Żzisen Momentaufnahmen" hervorgehoben, mit denen die Autorin die Grenzen zwischen Ich und Welt auslotet.

o
(gr´┐Żn / 281´┐Ż - 294´┐Ż)

ein pastellfarbener fischcontainer
der los-gel´┐Żst im wind
in die bucht hinaustreibt

statt der alten zeichen des heimathafens
auf der seite nur
die kontur eines kreises

* Einloggen, um Links zu sehen


Ich frage, muss man daf´┐Żr ein Masterstudium an einer Kunstuniversit´┐Żt abgeschlossen haben?
Vielleicht muss man erst studiert haben, dass das Geschriebene anerkannt wird, egal, wie einfach gestrickt es ist?

Danke Dir f´┐Żr Dein Gedicht. Deine Verse sind so eine Art Limericks.
Mir gef´┐Żllt Dein Gedicht.

Herzliche Gr´┐Ż´┐Że
Brigitte
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Flam

Anmeldedatum: 17.06.2022
Beitr´┐Żge: 7
BeitragBeitrag #3 vom 20.06.2022, 19:11  Titel:   

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Lachen

Liebe Brigitte,

ich danke Dir.

Damit Archimedes ´┐Żberhaupt eine Chance h´┐Żtte haben k´┐Żnnen zu gewinnen, h´┐Żtte es zu f´┐Żnft daherkommen und noch dazu eingereicht werden m´┐Żssen.
Beide Grundvoraussetzungen waren nicht gegeben.
Und ich bin sicher, selbst dann h´┐Żtte ich bei Weitem nicht den Geschmack der Jury getroffen. Das ist okay.
Archimedes ist froh hier gerettet worden zu sein.

Archimedes ist, glaube ich, weit weniger verschl´┐Żsselt und intelligent als das hier wiedergegebene Gewinner-Gedicht. Ich vermute aber, die Auslotung zwischen Ich und Welt kann die Jury nur aus den vier anderen Begleitergedichten geschlossen haben.
Sonst w´┐Żre diese Aussage ein ausgemachter Schmarrn, was ich nicht vermute.
Sehr froh!

Und was das Masterstudium anbelangt, das d´┐Żrften die wenigsten Dichter aufweisen k´┐Żnnen. Und wenn, dann ist die Minderzahl darunter in der Lage dieses in Germanistik ihr Eigen zu nennen. Ich habe gar keines und vermisse es auch nicht sonderlich, wenn ich die Ergebnisse so einschl´┐Żgiger Bildung an vielen anderen Menschen sehe.

Was aber ein Text ganz unabh´┐Żngig von der Vorbildung des Autors f´┐Żr lyrische Anerkennung (und nur diese) von anderen mit sich bringen sollte, ist eine Besonderheit oder mehrere, die ihn lesenswert machen und die eine Beeindruckung beim Leser erzeugen.
Je einfacher die Worte hierf´┐Żr gew´┐Żhlt sind, desto gr´┐Ż´┐Żer muss die Kunst sein, diese zu setzen, damit man das Ziel einen Eindruck zu erzeugen trotzdem noch erreicht.
Diese Kunst ist mir leider nicht gegeben.


Die Form von Archimedes ist an Limericks angelehnt, ja. Zeilenzahl und Metrum sind bei mir "falsch" und nur die erste Strophe weist in der ersten Zeile eine Ortsbezechnung auf, wie der Limerick es fordert, aber es ging mir mehr um die sprachliche Wirkung.
Sie macht das "Drama" ein bisschen ertr´┐Żglicher.


Beste Gr´┐Ż´┐Że,
Flam
Smile

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Brigitte

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Beitr´┐Żge: 1234
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #4 vom 20.06.2022, 20:44  Titel:   

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Hallo Flam,

danke f´┐Żr die ausf´┐Żhrliche Antwort. Ich glaube, um einer guten Jury zu gefallen, muss man einen eigenen Stil haben, v´┐Żllig frei von anderen Dichtern und modern.

Ich kenne die anderen 4 Begleitgedichte des Siegergedichtes nicht und habe sie im Internet bisher nicht gefunden. Ein abgekartetes Spiel ist gar nicht undenkbar in der heutigen Zeit.

Ich zeige Dir hier ein anderes Gedicht, das ich im Internet zuf´┐Żllig gefunden habe. Das ist ebenfalls von einer mehrfach preisgekr´┐Żnten aktuellen Schriftstellerin, die ein Magister-Studium absolviert hatte und die sogar mit Auszeichnung am Gymnasium maturiert hatte, wie ich aus ihrem Lebenslauf entnahm.

Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind f´┐Żllt

der Tanz h´┐Żlt
der Tag geht

c Angelika Stallhofer



Bei korrekt gesetzter Interpunktion w´┐Żrde das Gedicht so aussehen:

Der Tag geht

Der Fisch friert.
Der Kopf schwebt.
Die Sonnen dunkeln.
Die Zimmer wachen.
Die Katzen bellen.

Der Gott glaubt.
Das Kind f´┐Żllt.

Der Tanz h´┐Żlt.
Der Tag geht.


Ein sehr interessantes Gedicht mit einer ´┐Żberraschung und einer Wende, sehr einfache S´┐Żtze. Den roten Faden muss man suchen.

Dagegen besteht ja das Feldkircher Siegergedicht aus zwei S´┐Żtzen mit je einem Nebensatz. Es ist also wesentlich komplexer aufgebaut. In beiden Haupts´┐Żtzen fehlt ABER das Verb! Das muss man sich dazudenken. Und die Interpunktion fehlt ebenfalls. Das ist das Spiel mit der Sprache. Das muss man sich erst einmal getrauen. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir "Die Verfasser k´┐Żnnen nicht einmal richtig Deutsch." So was h´┐Żr ich auf zu lesen. Wenn ich dann aber herausfinde, dass die Verfasserin auf "Sehr gut" maturierte, dann erst wei´┐Ż ich, sie w´┐Żrde es auch korrekt k´┐Żnnen. ´┐Żber manches verschl´┐Żsselte Gedicht habe ich schon nachgedacht, was damit gemeint sein k´┐Żnnte, aber dann ist mir doch zu schade um die Zeitverschwendung, weil ich es ja doch nicht verstehe. Mir sind Gedichte, die man versteht, schon lieber, das schlie´┐Żt aber nicht aus, dass sie intelligent sein d´┐Żrfen.

Nehmen wir uns das Siegergedicht einmal vor:

Ich sehe einen pastellfarbigen Fischcontainer,
der, los-gel´┐Żst im Wind, in die Bucht hinaustreibt.

Statt den alten Zeichen des Heimathafens
ist auf der Seite nur
die Kontur eines Kreises zu sehen.

Das ist nicht einmal ein Gedicht, wenn man genau hinschaut.
Und weiters grammatikalisch:
statt + Genitiv ist korrekt,
aber nicht statt + Genitiv + Genitiv; da ist laut Duden:
statt + Dativ + Genitiv.
statt den alten Zeichen des Heimathafens hei´┐Żt es.

das Wort "farbenes" findet sich im Duden nicht.

Verhunztes Deutsch ist das, aber kein Gedicht, so sehe ich das.
Und das hat gewonnen, weil keiner so schreibt. Das mag der Grund sein. Das ist ein eigener Stil. Wenn man gewinnen will, muss man verhunzen k´┐Żnnen. Das ist das Spiel mit der Sprache.

Liebe Gr´┐Ż´┐Że
Brigitte
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Flam

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Beitr´┐Żge: 7
BeitragBeitrag #5 vom 21.06.2022, 19:46  Titel:   

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Brigitte meint dazu:
Hallo Flam,

danke f´┐Żr die ausf´┐Żhrliche Antwort. Ich glaube, um einer guten Jury zu gefallen, muss man einen eigenen Stil haben, v´┐Żllig frei von anderen Dichtern und modern.

Ich kenne die anderen 4 Begleitgedichte des Siegergedichtes nicht und habe sie im Internet bisher nicht gefunden. Ein abgekartetes Spiel ist gar nicht undenkbar in der heutigen Zeit.

Ich zeige Dir hier ein anderes Gedicht, das ich im Internet zuf´┐Żllig gefunden habe. Das ist ebenfalls von einer mehrfach preisgekr´┐Żnten aktuellen Schriftstellerin, die ein Magister-Studium absolviert hatte und die sogar mit Auszeichnung am Gymnasium maturiert hatte, wie ich aus ihrem Lebenslauf entnahm.

Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind f´┐Żllt

der Tanz h´┐Żlt
der Tag geht

c Angelika Stallhofer



Bei korrekt gesetzter Interpunktion w´┐Żrde das Gedicht so aussehen:

Der Tag geht

Der Fisch friert.
Der Kopf schwebt.
Die Sonnen dunkeln.
Die Zimmer wachen.
Die Katzen bellen.

Der Gott glaubt.
Das Kind f´┐Żllt.

Der Tanz h´┐Żlt.
Der Tag geht.


Ein sehr interessantes Gedicht mit einer ´┐Żberraschung und einer Wende, sehr einfache S´┐Żtze. Den roten Faden muss man suchen.

Dagegen besteht ja das Feldkircher Siegergedicht aus zwei S´┐Żtzen mit je einem Nebensatz. Es ist also wesentlich komplexer aufgebaut. In beiden Haupts´┐Żtzen fehlt ABER das Verb! Das muss man sich dazudenken. Und die Interpunktion fehlt ebenfalls. Das ist das Spiel mit der Sprache. Das muss man sich erst einmal getrauen. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir "Die Verfasser k´┐Żnnen nicht einmal richtig Deutsch." So was h´┐Żr ich auf zu lesen. Wenn ich dann aber herausfinde, dass die Verfasserin auf "Sehr gut" maturierte, dann erst wei´┐Ż ich, sie w´┐Żrde es auch korrekt k´┐Żnnen. ´┐Żber manches verschl´┐Żsselte Gedicht habe ich schon nachgedacht, was damit gemeint sein k´┐Żnnte, aber dann ist mir doch zu schade um die Zeitverschwendung, weil ich es ja doch nicht verstehe. Mir sind Gedichte, die man versteht, schon lieber, das schlie´┐Żt aber nicht aus, dass sie intelligent sein d´┐Żrfen.

Nehmen wir uns das Siegergedicht einmal vor:

Ich sehe einen pastellfarbigen Fischcontainer,
der, los-gel´┐Żst im Wind, in die Bucht hinaustreibt.

Statt den alten Zeichen des Heimathafens
ist auf der Seite nur
die Kontur eines Kreises zu sehen.

Das ist nicht einmal ein Gedicht, wenn man genau hinschaut.
Und weiters grammatikalisch:
statt + Genitiv ist korrekt,
aber nicht statt + Genitiv + Genitiv; da ist laut Duden:
statt + Dativ + Genitiv.
statt den alten Zeichen des Heimathafens hei´┐Żt es.

das Wort "farbenes" findet sich im Duden nicht.

Verhunztes Deutsch ist das, aber kein Gedicht, so sehe ich das.
Und das hat gewonnen, weil keiner so schreibt. Das mag der Grund sein. Das ist ein eigener Stil. Wenn man gewinnen will, muss man verhunzen k´┐Żnnen. Das ist das Spiel mit der Sprache.

Liebe Gr´┐Ż´┐Że
Brigitte
Hallo Brigitte,

wir sollten jetzt ber´┐Żcksichtigen, dass Du aus K´┐Żrnten kommst und ich aus dem niederen Rheinland. Und Duden hin Duden her: Der schaut nur dem deutschsprachigen Volk auf's Maul und h´┐Żlt mittels empirischer Erhebungen Regeln fest.
Ich bin absolut daf´┐Żr so eine Orientierungshilfe zu haben. Aber trotzdem gibt es Varianten der Sprache, die lokalen Koloriten folgend alle nicht falsch sein m´┐Żssen.

Ich nehme mir die Freiheit meinem Sprachgef´┐Żhl zu folgen und darauf zu vertrauen, dass auch der Duden bald herausfindet, dass das richtig ist. Oder halt veraltet. Zwinker

Ich finde ockerfarbenen Sand richtig und w´┐Żrde auch den doppelten Genitiv ganz klar bevorzugen. Duden darf anders dar´┐Żber denken, aber an diesen Stellen w´┐Żre ich tats´┐Żchlich nicht bereit meine eigene Sprachmeinung zu ´┐Żndern. Wie gesagt: Duden erhebt nur die aktuellen Regeln. Er macht sie nicht. Du machst sie! Ich mache sie! Diese Regeln in einem Buch zusammenzufassen ist eine f´┐Żrchterliche Gratwanderung, und ich bin froh da nicht ernsthaft beitragen zu m´┐Żssen. Gerade heutzutage nicht!
Trotzdem betrachte ich die Ergebnisse gerne kritisch und denke mir manchmal meinen Teil dazu.

Ich empfinde ´┐Żbrigens die "Zeichen des Heimathafens" als begriffliche Einheit, der dann durchaus wieder der Genitiv vorangehen sollte. Der Gebrauch der F´┐Żlle kann durch solche inhaltlichen Nuancen bereits erstaunlich unterschiedlich ausfallen.


Gedicht ist ein schwieriger Begriff. Wie definiert sich das f´┐Żr Dich?
Manchem reichen schon Reime. Derjenige hat nicht einmal Unrecht.
Aber reicht das?
Ja, es reicht, aber sie sind kein zwingendes Kriterium.

Metrische Form? Uh, ja, es wird hei´┐Żer!
Metrum k´┐Żnnen wir diesem Text der Gewinnerin kaum absprechen.
Und auch wenn da weder ein reiner Jambus, Troch´┐Żus, Daktylus oder Anap´┐Żst ist, l´┐Żdt der Text dazu ein "mitzusingen".
Tats´┐Żchlich findet sich ein zeilenweiser, unregelm´┐Ż´┐Żiger Wechsel aus Anap´┐Żst und Jambus.
Anap´┐Żst empfinde ich pers´┐Żnlich als das am schwierigsten zu verwendende Metrum, obwohl der mit ihm verwandte Daktylus das Deutsche mit seinem nat´┐Żrlichem Sprachrhythmus am intensivsten pr´┐Żgt.

Versteh mich nicht falsch! Ich mag den Text auch nicht und w´┐Żrde ihm kein zweites Lesen schenken. Aber ich kann ihm nicht absprechen ein Gedicht zu sein.
Und andere m´┐Żgen den Text in ihrer verzweifelten Suche nach neuen lyrischen Impulsen offensichtlich so. Das muss ich akzeptieren, ohne dieses Gef´┐Żhl teilen zu m´┐Żssen.

Wenn es f´┐Żr Dich nur verhunzte Sprache ist, kann ich auch das gut verstehen und nachvollziehen. Aber ich w´┐Żrde auch diese Meinung und Einsch´┐Żtzung so nicht teilen wollen.

Das andere Beispiel finde ich auch wirklich zum Abgew´┐Żhnen.
Aber ein Reim ist drin. :-D
Wem das reicht.....


Beste Gr´┐Ż´┐Że,
Flam

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Daunen-Granit-Hybrid
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Brigitte

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Beitr´┐Żge: 1234
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #6 vom 21.06.2022, 23:08  Titel:   

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Hallo Flam,

danke f´┐Żr die Antwort. Ja, das stimmt, der Genitiv ist in Deutschland gebr´┐Żuchlicher als in ´┐Żsterreich, aber die Gewinnerin ist eine ´┐Żsterreicherin. Ich wundere mich nur, wieso man viele Jahre studieren muss f´┐Żr so ein einfaches Gedicht, was ein Down-Syndrom-Jugendlicher schon hinkriegen m´┐Żsste, und der ist immerhin schwerstbehindert. Gute Nacht, Brigitte
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Namazu

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Beitr´┐Żge: 186
BeitragBeitrag #7 vom 22.06.2022, 22:46  Titel:   

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Mir gef´┐Żllt Dein Gedicht, Flam, mir gef´┐Żllt aber auch das Siegergedicht, muss ich sagen.

Bei der Diskussion, was Lyrik ist oder soll, w´┐Żrde ich mich in weiten Z´┐Żgen Flam anschliessen. Lyrik ist ein Spiel mit der Sprache, mit dem Metrum. Ich finde in dem Zusammenhang Brecht sehr spannend (hat er sich nicht auch mal zu der Frage ge´┐Żussert? Ich m´┐Żsste es nachlesen). Wnn man sich dessen Lyrik ansieht, findet man jedenfalls so ziemlich die volle Breite der M´┐Żglichkeiten ausgesch´┐Żpft.

Unabh´┐Żngig davon, ob man es lieber einfach oder kompliziert hat: warum sollte ein Jugendlicher mit Down Syndrom nicht f´┐Żhig sein, Lyrik zu verfassen (ohne den ironischen Unterton, der in Brigittes Kommentar mitschwingt)? Und warum sollte einen ein Studium davon abhalten, zu einer einfachen Form zu finden?

Ich pers´┐Żnlich empfinde eine klare und unverschn´┐Żrkelte Sprache durchaus sch´┐Żn und nicht unbedingt immer einfach zu finden. Ich selbst schreibe meistens in komplizierten und verschachtelten Strukturen, wenn ich mir noch nicht ganz im Klaren bin, was ich sagen oder ausdr´┐Żcken m´┐Żchte, habe ich festgestellt. Man versteckt sich dann gewissermassen hinter dem Geflecht. Das f´┐Żllt mir besonders bei meinen (und auch zahlreichen anderen) nicht-literarischen Texten auf, von denen ich deutlich mehr produziere und konsumiere.

Sch´┐Żnen Abend
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juergen h.

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Beitr´┐Żge: 1254
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #8 vom 25.06.2022, 19:31  Titel:   

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o
(gr´┐Żn / 281´┐Ż - 294´┐Ż)

ein pastellfarbener fischcontainer
der los-gel´┐Żst im wind
in die bucht hinaustreibt

statt der alten zeichen des heimathafens
auf der seite nur
die kontur eines kreises
(Sarah Rinderer)


Ich liebe solche Gedichte. F´┐Żr mich sind das Tuschezeichnungen, die immerfeucht sind und niemals eintrocknen. Und nimmt man solches als Leser wahr, rinnt die Tinte je nach Haltung oder Leseerwartung immer unerwartet oder vielleicht wie erwartet in eine unbestimmte oder bereits definierte Richtung. Allein, daf´┐Żr ist der Leser verantwortlich. Das Leseerlebnis bei Frau Rinderers Gedicht liegt in der Verantwortung des Lesers, der Leserin. Das Leseerlebnis beim Archimedesgedicht ist vom Dichter vorgegeben. Es k´┐Żnnte nur durch au´┐Żerordentliche sprachliche oder technische F´┐Żhigkeiten den Leser packen. Dies vermag es jedoch nicht. Es ist angenehm zu lesen, aber das ist f´┐Żr einen Wettbewerb zu wenig. Das h´┐Żtte auch schon vor 70 jahren so mittelm´┐Ż´┐Żig dastehen k´┐Żnnen, und das ist einfach zu wenig. Rinderers Gedicht ist wohl eine Nuance zu einf´┐Żltig hingehaucht und anspruchslos, als dass man es zu einem Siegergedicht h´┐Żtte machen k´┐Żnnen. Es sei denn, die anderen Einreichungen w´┐Żren noch deutlich schlechter gewesen.

Ein wenig erinnert es mich an Peter Turrinis Gedicht "Wenn du mich anrufst". Wobei Turrinis lyr. Ich normal ausflippt, wie man das von Verliebten kennt, und Frau Rinderer noch m´┐Żdchenhaft von anderen Rittern oder Rettern als sattsam bekannten 08/15 M´┐Żrchenprinzen tr´┐Żumt.

Wenn du mich anrufst

Wenn du mich anrufst
l´┐Żutet das Telefon.
Die Lampe l´┐Żutet.
Der Ofen l´┐Żutet.
Das Zimmer l´┐Żutet.
Die Aussicht vor meinem Fenster l´┐Żutet.

Es l´┐Żuten die Glocken der Befreiung
vom Warten.
(Peter Turrini)


Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind f´┐Żllt

der Tanz h´┐Żlt
der Tag geht
(Angelika Stallhofer)


Auch dieses Gedicht finde ich sehr gut. Das abgekl´┐Żrte Aufz´┐Żhlen seiner sieben Zwetschken ist zwar nicht neu, fasziniert aber immer wieder. Gro´┐Żartig wird es, wenn man z.B. wie Marina Zwetajewa die Elemente so b´┐Żndigen kann:

BAUT EINER KEIN HAUS ´┐Ż
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus ´┐Ż
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde ´┐Ż

Ich baute kein Haus.

(Marina Zwetajewa)

https://franzmagazine.com/2018/06/18/knapp-schneidend-rhythmisch-provokativ-marina-zwetajewa/
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juergen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beitr´┐Żge: 1254
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #9 vom 27.06.2022, 15:39  Titel:   

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Bitte entschuldigt, dass ich mich noch einmal einbringen will. Auch beim Themenstarter Flam, weil ich im Diskurs an einem von Brigitte eingewobenen Faden ankn´┐Żpfen m´┐Żchte und das mit dem er´┐Żffneten Thema nur am Rande zu tun hat.

Zum Gedicht "Der Tag geht" von Angelika Stallhofer.

Ich m´┐Żchte zum Vergleich ein ber´┐Żhmtes Gedicht von G´┐Żnter Eich heranziehen. Es "z´┐Żhlt die Habseligkeiten des lyrischen Ichs auf" (keinverlag.de).

Die Montotonie des Gedichts "Inventur" von G´┐Żnter Eich r´┐Żhrt von den Erfahrungen des Dichters im Kriegsgefangenenlager her. Die Germanistik hat es erleichtert und gewissenhaft als Tr´┐Żmmer- und Kahlschlaglyrik katalogisiert.
Zwar war die Dichterin nicht in einem Kriegsgefangenenlager, f´┐Żhlt sich aber vielleicht ´┐Żhnlich inhaftiert in der Gegenwart mit Klimakatastrophe und Coronakrise.
Die Verwendung von Anaphern schlie´┐Żt Emotion nicht aus, die Pointe zum Schluss ´┐Żberrascht und ist ein Kunstgriff, der sofort zum Wiederlesen zwingt und dem man im Titel wieder begegnet. Hat man etwas verpasst? Kann bei einer simplen Aufz´┐Żhlung eigentlich nicht der Fall sein. Und trotzdem wurde ich als Leser ausgetrickst. Die Inventur ist nicht materieller Art, es geht um Kurzschl´┐Żsse des lyrischen Ichs in der Wahrnehmung der Au´┐Żenwelt.

Wer 2022 methodisch an G´┐Żnter Eich's Gedicht von 1948 ankn´┐Żpfen kann, hat es lyrisch drauf. Wenn das Gedicht dann auch noch formal fehlerfrei daherkommt: 10 Punkte!
Ich deute es als "Lagerkollergedicht", vielleicht entstanden in der Coronakrise, die Dichterin hat das aktuelle Zeitgeschehen verarbeitet und im Gedicht zur Endlosschleife programmiert, aus der es f´┐Żr das lyrische Ich weder materiell noch immateriell derzeit kein Entkommen zu geben scheint.

Im Vergleich dazu das materielle Gedicht von G´┐Żnter Eich: "Inventur"

INVENTUR

Dies ist meine M´┐Żtze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenb´┐Żchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Wei´┐Żblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
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Brigitte

Anmeldedatum: 25.04.2017
Beitr´┐Żge: 1234
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #10 vom 27.06.2022, 20:30  Titel:   

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Vielen herzlichen Dank, J´┐Żrgen,
du kannst es aber sehr gut erkl´┐Żren;
jetzt habe ich Angelika Stallhofers Gedicht durchschaut und nachgebaut:


Der Hund geht

Das Auto f´┐Żhrt.
Der Wald k´┐Żhlt.
Die V´┐Żgel flattern.
Die Tier´┐Żrzte singen.
Die Rosen duften.

Der R´┐Żuber schaut.
Der Nachbar bellt.

Die Leine h´┐Żlt.
Der Hund geht.

´┐Ż Brigitte
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Namazu

Anmeldedatum: 05.04.2007
Beitr´┐Żge: 186
BeitragBeitrag #11 vom 28.06.2022, 23:12  Titel:   

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juergen h. meint dazu:
F´┐Żr mich sind das Tuschezeichnungen, die immerfeucht sind und niemals eintrocknen. Und nimmt man solches als Leser wahr, rinnt die Tinte je nach Haltung oder Leseerwartung immer unerwartet oder vielleicht wie erwartet in eine unbestimmte oder bereits definierte Richtung. Allein, daf´┐Żr ist der Leser verantwortlich. Das Leseerlebnis bei Frau Rinderers Gedicht liegt in der Verantwortung des Lesers, der Leserin.


Das hast Du sehr pr´┐Żzise beschrieben. Ich glaube, ich habe ein St´┐Żck weit verlernt, ´┐Żber Lyrik zu schreiben, ich hatte keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen, lasse sie nur auf mich wirken, aber eigentlich ist es schade, wenn man sich der Einordnung so ganz entzieht.

Das Gedicht von Stallhofer gef´┐Żllt mir auch sehr. Was mich dabei besonders anspricht sind die durch die Substantiv/Verb erzeugten Disharmonien, wenn man so sagen kann, die das Bild einer schr´┐Żgen, verqueren, verzerrten Welt erzeugen - die Katzen bellen, der Gott glaubt usw.

Mit dem fallenden Kind wird dann noch eine gewisse Dramatik aufgebaut, die gleich im n´┐Żchsten Atemzug wieder in der Belanglosigkeit des gr´┐Żsseren Zusammenhangs aufgel´┐Żst, weggewischt wird. ich finde es beeindruckend, wie an mit so wenigen W´┐Żrtern so viel sagen und ausdr´┐Żcken kann.
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Nestor Carigno

Anmeldedatum: 03.10.2009
Beitr´┐Żge: 1061
BeitragBeitrag #12 vom 18.09.2022, 23:42  Titel: Der Tag zieht Leine  

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Der Tag zieht Leine

´┐Żber sein ´┐Żberhaupt
und keine Beine
laufen im Laub.

Das Laub str´┐Żmt
ins Netz, ins Netz!
Die Sonne w´┐Żhlt
einzweizwei
(der Mond ebenso).

Tropfen funkelt ´┐Żstig
Windes Wehen wehen
kalte Duschen
hei´┐Że Luft.

Der Tag zieht aus.
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Namazu

Anmeldedatum: 05.04.2007
Beitr´┐Żge: 186
BeitragBeitrag #13 vom 19.09.2022, 22:36  Titel: Re: Der Tag zieht Leine  

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Nestor Carigno meint dazu:

...
Tropfen funkelt ´┐Żstig
Windes Wehen wehen
kalte Duschen
hei´┐Że Luft.

Der Tag zieht aus.


Sch´┐Żn, mal wieder was von dir zu lesen!
Ich mag diese Zeilen, man kann Regen, Wind und Wald f´┐Żrmlich sp´┐Żren.
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