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Andreas Gryphius (1616 - 1664)
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Gedichteforum -> Bekannte Gedichte
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #1 vom 09.06.2007, 02:51  Titel: Andreas Gryphius (1616 - 1664)  

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Abend

Der schnelle Tag ist hin. Die Nacht schwingt ihre Fahn
Und führt die Sterne auf. Der Mensch müde Scharen
Verlassen Feld und Werk. Wo Tier und Vögel waren,
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.
Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren
Ich, du, und was man hat, und was man sinnt, hinfahren.
Dies Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.

Laß, höchster Gott! mich doch nicht uaf dem Lauf-Platz gleiten!
Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glanz sei vor und neben mir!

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,
So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir!

Der Original-Text sieht so aus:

Abend

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn /
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen
Verlassen feld vnd werck / Wo Thier vnd Vögel waren
Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!
Der port naht mehr vnd mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.
Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten /
Laß mich nicht ach / nich tpracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir /
Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.
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jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
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BeitragBeitrag #2 vom 30.07.2007, 09:43  Titel: Tränen in schwerer Krankheit, anno 1640  

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Tränen in schwerer Krankheit, anno 1640

Mir ist, ich weiß nicht wie; ich seufze für und für.
Ich weine Tag und Nacht, ich sitz in tausend Schmerzen
Und tausend fürcht ich noch; die Kraft in meinem Herzen
Verschwindt, der Geist verschmacht', die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier
Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.
Die Seele wird bestürmt gleichwie die See im Märzen.
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein? was wünschen wir zu haben?
Itzt sind wir hoch und groß und morgen schon vergraben;
Itzt Blumen, morgen KOt; wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;
Itzt was morgen und was nichts, und was sind unsre Taten
Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum!
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jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
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BeitragBeitrag #3 vom 30.07.2007, 09:44  Titel: Überschrift an dem Tempel der Sterblichkeit  

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Überschrift an dem Tempel der Sterblichkeit

Ihr irrt, indem ihr lebt; die ganz verschränkte Bahn
Läßt keinen richtig gehn. Dies, was ihr wünscht zu finden,
Ist Irrtum; Irrtum ists, der euch den Sinn kann binden.
Was euer Herz ansteckt, ist nur ein falscher Wahn.

Schaut, Arme, was ihr sucht! Warum so viel getan
Um dies, was Fleisch und Schweiß und Blut und Gut und Sünden
Und Fall und Weh nicht hält? Wie plötzlich muß verschwinden,
Was diesen, der es hat, setzt in des Todes Kahn!

Ihr irrt, indem ihr schlaft; ihr irrt, indem ihr wachet;
Ihr irrt, indem ihr traurt; ihr irrt, indem ihr lachet;
Indem ihr dies verhöhnt, und das für köstlich acht;

Indem ihr Freund als Feind, und Feind als Freunde schätzet;
Indem ihr Lust verwerft, und Weh vor Wollust setzet:
Bis der gefundne Tod euch frei vom Irren macht.
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jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #4 vom 30.07.2007, 09:44  Titel: Menschliche Elende  

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Menschliche Elende

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns auch Sinn und Herzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn,
Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch vor starken Winden.
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