Beitrag #1 vom 11.06.2007, 03:16Titel: Alfred Lichtenstein (1889 - 1914)
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Die Dämmerung
Ein dicker Junge spielt am Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.
Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.
An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
Wie alte Knochen liegen in dem Topf
Des Mittags die verfluchten Straßen da.
Schon lange ist es her, dass ich dich sah.
Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf
Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck.
Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir.
Der Himmel ist ein graues Packpapier,
Auf dem die Sonne klebt - ein Butterfleck.
Beitrag #4 vom 16.03.2008, 07:13Titel: Die fünf Liebeslieder des Kuno Kohn
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Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn
Erstes Lied:
[82⇒] So viele Jahre sucht ich dich, Maria –
In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen,
In Buden, Dirnen, in Theaterschulen,
In Krankenbetten und in Irrenzimmern,
In Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern,
In allen Wettern und in allen Tagen,
In Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen –
Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern,
Musiklokalen, Sommerdampferfahrten ...
Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht auf Straßen
Nach dir zum toten Himmel schrie –
Nächstes Lied:
Der dich so sucht, Maria, wird ganz grau.
Der dich so sucht, verliert Gesicht und Bein.
Zerfällt im Herzen. Blut und Traum entweicht.
Käm ich zur Ruh ... Wär ich in deiner Hand ...
O, nähmst du mich in deine Augen auf ...
Hohes Lied:
Maria du – daran zu denken, wie
Ich dich empfand ... Der schwere Kopf versinkt –
Meer nur und Mond – Meermond und Wind und Welt –
Um deine weiße Haut der weiße Sand, Maria –
Dein Haar ... Dein Lächeln ... Rings ist Meer und Not
Und Ruf und Sehnsucht und ein sanftes Glück –
All dieses Singen, das so müde macht ...
Kommt nicht der Himmel wie ein Mutterlied
Zur Stirn des Kindes hin und hin zu uns_
Trauriges Lied:
Jetzt geh ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und tausend Augen und Getön –
Der Fremdeste. Ich mußte dich verlieren ...
Dein Sündenleib, Maria, war so schön –
Jetzt such ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und Lärm vergeblich deine Spur.
Jetzt weiß ich auch: ich mußte dich verlieren ...
Ich fand nicht dich – dein Name war es nur –
Letztes Lied:
Komm nur, mein Regen ... fall mir ins Gesicht –
Gelbe Laternen ... werft die Häuser um –
Heile und glatte Wege will ich nicht.
So ist es schön ... nur im Laternenschein ...
Maria ... dunkler Regen ringsherum –
So geht sichs gut. Ich möchte bei dir sein.
Was sind mir Berge und das flache Land –
Was Städte mir und bunter Nacht Hypnose –
Zurück zum Meer ... Zurück zum Sternenstrand.
Du bist nicht ganz Maria, die ich suchte.
Doch bist auch du Maria – Grenzenlose ...
Geliebte ... Törin ... sehnsüchtig Verfluchte ...
Du liebst mich nicht ... Ich hab dich nie gereizt ...
War nie dein Typ ...
Und meine harten Augen sind dir lästig, Liebchen ...
Ich bin dir viel zu finster. Und zu grob –
Und meine weißen Zähne blitzen so brutal
Und meine blutgen Lippen sind so schrecklich sichlich.
Ach, was du sagst – –
Doch, du hast wirklich recht. Ich geb dich ... frei.
... Und morgen in der Früh fahr ich zu einem Meer,
Das blau und ewig ist ...
Und liege da am Strand ...
Und spiele lächelnd, bis ein Tod mich greift,
Mit Sand und Sonne und mit einer weißen
Schlanken Hündin
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