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Alfred Lichtenstein (1889 - 1914)
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Gedichteforum -> Bekannte Gedichte
jürgen h.

Anmeldedatum: 05.01.2007
Beiträge: 803
Wohnort: Tirol
BeitragBeitrag #1 vom 11.06.2007, 03:16  Titel: Alfred Lichtenstein (1889 - 1914)  

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Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt am Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
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jorona

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Beiträge: 175
BeitragBeitrag #2 vom 15.03.2008, 18:45  Titel: RUHE  

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Ruhe

In müden Kreisen schwebt ein kranker Fisch
In einem Tümpel, der auf Gräsern liegt.
Beim Himmel lehnt ein Baum - verbrannt und krumm.

Ja...die Familie sitzt um großen Tisch,
Wo sie mit Gabeln aus den Tellern pickt.
Allmählich wird man schläfrig, schwer und stumm.

Die Sonne leckt mit heißem, giftigen Maul
Am Boden wie ein Hund - ein wüster Feind.
Landstreicher fallen plötzlich spurlos um.

Ein Kutscher sieht besorgt auf einen Gaul,
Der, aufgerissen, in der Gosse weint.
Drei Kinder stehen still herum.
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jorona

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Beiträge: 175
BeitragBeitrag #3 vom 15.03.2008, 18:54  Titel: Landschaft  

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Landschaft

Wie alte Knochen liegen in dem Topf
Des Mittags die verfluchten Straßen da.
Schon lange ist es her, dass ich dich sah.
Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf

Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck.
Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir.
Der Himmel ist ein graues Packpapier,
Auf dem die Sonne klebt - ein Butterfleck.
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jorona

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BeitragBeitrag #4 vom 16.03.2008, 07:13  Titel: Die fünf Liebeslieder des Kuno Kohn  

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Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn

Erstes Lied:

[82⇒] So viele Jahre sucht ich dich, Maria –
In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen,
In Buden, Dirnen, in Theaterschulen,
In Krankenbetten und in Irrenzimmern,
In Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern,
In allen Wettern und in allen Tagen,
In Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen –
Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern,
Musiklokalen, Sommerdampferfahrten ...
Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht auf Straßen
Nach dir zum toten Himmel schrie –

Nächstes Lied:

Der dich so sucht, Maria, wird ganz grau.
Der dich so sucht, verliert Gesicht und Bein.
Zerfällt im Herzen. Blut und Traum entweicht.
Käm ich zur Ruh ... Wär ich in deiner Hand ...
O, nähmst du mich in deine Augen auf ...


Hohes Lied:

Maria du – daran zu denken, wie
Ich dich empfand ... Der schwere Kopf versinkt –
Meer nur und Mond – Meermond und Wind und Welt –

Um deine weiße Haut der weiße Sand, Maria –
Dein Haar ... Dein Lächeln ... Rings ist Meer und Not
Und Ruf und Sehnsucht und ein sanftes Glück –

All dieses Singen, das so müde macht ...
Kommt nicht der Himmel wie ein Mutterlied
Zur Stirn des Kindes hin und hin zu uns_

Trauriges Lied:

Jetzt geh ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und tausend Augen und Getön –
Der Fremdeste. Ich mußte dich verlieren ...
Dein Sündenleib, Maria, war so schön –

Jetzt such ich wieder zwischen Tagen, Tieren,
Gestein und Lärm vergeblich deine Spur.
Jetzt weiß ich auch: ich mußte dich verlieren ...
Ich fand nicht dich – dein Name war es nur –

Letztes Lied:

Komm nur, mein Regen ... fall mir ins Gesicht –
Gelbe Laternen ... werft die Häuser um –
Heile und glatte Wege will ich nicht.

So ist es schön ... nur im Laternenschein ...
Maria ... dunkler Regen ringsherum –
So geht sichs gut. Ich möchte bei dir sein.

Was sind mir Berge und das flache Land –
Was Städte mir und bunter Nacht Hypnose –
Zurück zum Meer ... Zurück zum Sternenstrand.

Du bist nicht ganz Maria, die ich suchte.
Doch bist auch du Maria – Grenzenlose ...
Geliebte ... Törin ... sehnsüchtig Verfluchte ...
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jorona

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BeitragBeitrag #5 vom 16.03.2008, 07:17  Titel: Kuno Kohn  

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Mein Ende

Halbe Hände halten mein Schicksal.
Wo wird es sinken ...
Meine Schritte sind winzig wie die Schritte von Fraun.

Ein Abend hat alle Träume verwüstet.
Kein Schlaf fällt mir ein.
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jorona

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BeitragBeitrag #6 vom 16.03.2008, 07:21  Titel: dito  

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Lied der Sehnsucht des Kuno Kohn

Die Falten des Meeres platzen wie Peitschen auf meiner Haut.
Und die Sterne des Meeres reißen mich auf.

Von schreienden Wunden ist der Abend des Meeres Einsamen.
Aber die Liebenden finden den guten verträumten Tod ...

Sei bald da, Schmerzäugige, das Meer tut so weh.
Sei bald da, Liebleidende, das Meer erschlägt mich so.

Deine Hände sind kühle Heilige. Hüll mich mit ihnen, das Meerbrennt auf mir.

Hilf doch! Hilf doch! ... Deck mich. Rette mich. Heil mich, Freundin.
Mutter ... du
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jorona

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BeitragBeitrag #7 vom 16.03.2008, 07:24  Titel: dito  

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Überfall

Schon Untergang –
Das war aber schnell ...
Kaum Spur von Aufgang – –

Ich bin über die Welt gewachsen.
Ich bin der Allgott geworden
Und furchtbar wach.
Und jetzt muß ich den Tod wegwerfen ...

Mein Sterben ist stumm
Und ohne Bilder ...

Ohne Erlösung – – –
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jorona

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BeitragBeitrag #8 vom 16.03.2008, 07:27  Titel: dito  

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Pathos

Du liebst mich nicht ... Ich hab dich nie gereizt ...
War nie dein Typ ...
Und meine harten Augen sind dir lästig, Liebchen ...
Ich bin dir viel zu finster. Und zu grob –
Und meine weißen Zähne blitzen so brutal
Und meine blutgen Lippen sind so schrecklich sichlich.
Ach, was du sagst – –
Doch, du hast wirklich recht. Ich geb dich ... frei.
... Und morgen in der Früh fahr ich zu einem Meer,
Das blau und ewig ist ...
Und liege da am Strand ...
Und spiele lächelnd, bis ein Tod mich greift,
Mit Sand und Sonne und mit einer weißen
Schlanken Hündin
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jorona

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BeitragBeitrag #9 vom 16.03.2008, 07:28  Titel: dito  

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Liebeslied

Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.

In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.

Ich muß dich immer ansehen.
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jorona

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BeitragBeitrag #10 vom 16.03.2008, 07:31  Titel: dito  

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Der Entleibte

Weiß lieg ich
Auf einem Rest von einem Rummelplatz
Zwischen zackigen Bauten –
Brennende Blume ... leuchtender See ...

Zehen und Hände
Streben ins Leere.
Sehnsucht zerreißt den weinenden Körper.
Über mich gleitet der kleine Mond.

Augen greifen
Weich in tiefe Welt,
Hüten versunken
Wandernde Sterne.
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jorona

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BeitragBeitrag #11 vom 16.03.2008, 07:34  Titel: dito  

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Der Gerührte

Ich habe gern verlassen
Den lauten Tod der Stadt,
Der tausend Fratzen hat,
Die gelbe Nacht der Gassen.

Ich schreite in den weiten,
Silbrigen Himmel ein;
Die frommen Glieder gleiten
Tief in das sanfte Sein.

Ich bin im weißen Leuchten
Von Wolke, Wiese, Wind.
Bin Baum, bin Dorf, bin Kind..
Wie sich die Augen feuchten!

Bald wird am Silberende
Der grüne Abend stehn ...
Ich hebe selge Hände –
Will ihm entgegengehn –
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jorona

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BeitragBeitrag #12 vom 16.03.2008, 07:36  Titel:   

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Wanderer im Abend

Der staubige Sonntag
Liegt zerbrannt.
Verkohlte Kühle
Bemuttert das Land.

Verkommene Sehnsucht
Klafft weit wieder auf.
Träume und Tränen
Strömen herauf.
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jorona

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Beiträge: 175
BeitragBeitrag #13 vom 16.03.2008, 07:38  Titel: dito  

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Abend

Die Häuser stehen steif an ihren Gattern.
Laß deine Augen, letzte Spatzen, flattern.

Schmeißfliegen setzen sich auf Dein Gesicht.
Spürst, Kuno, Du die ewgen Mühlen nicht –

Der Stumpfe bohrt Dir Löcher in den Kopf.
Sieh noch den Mond, der Mörder Mostrichtopf.
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jorona

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BeitragBeitrag #14 vom 16.03.2008, 07:40  Titel: dito  

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Frühling

Alle Männer sind jetzt gierig,
Alle Weiber schrein,
Ducke dich in deinen Buckel,
Bleib allein –
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jorona

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BeitragBeitrag #15 vom 16.03.2008, 07:44  Titel: dito  

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Gebet an die Menschen

Ich geh in den Tagen
Wie ein Dieb.
Und niemand hört
Mein Herz zu sich klagen.

Habt, bitte, Erbarmen.
Habt mich lieb.
Ich hasse euch.
Ich will euch umarmen.
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